Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 26 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 26 26. Juni 1931 18. Jahrgang Der XVII. Zionistenkongreß Noch ist das endgültige Ergebnis der Wahlen zu dem am 30. Juni in Basel zusammentretenden Zionistenkongreß nicht bekannt und noch kann man daher auch nur Vermutungen darüber anstellen, wie dieser mit schwerster Verantwortung beladene Kongreß an seine Aufgaben herangehen wird. Nach einer vorläufigen Meldung aus London sind gewählt: 81 Allgemeine Zionisten, 72 Arbeiterparteiler, 44 Revisionisten, 34 Misrachi, 8 Radikale und 2 anderen Gruppen angehörende Delegierte. Es könnte also scheinen, als ob die bisherige Koalition, die aus Allgemeinen Zionisten, Arbeitern und Misrachisten (die allerdings vor einiger Zeit ihre Vertreter zurückgezogen haben) bestand., ohne jede Schwierigkeit die neue Exekutive bilden und in dem bisherigen Geiste wieder arbeiten könne. In Wirklichkeit liegen jedoch die Verhältnisse ganz anders. Die 81 Delegierten nämlich, die sich als Allgemeine Zionisten bezeichnen, dürfen keineswegs als eine Einheit betrachtet werden; sie vertreten vielmehr die verschiedensten Anschauungen. Ein großer Teil von ihnen dürfte den Revisionisten nahestehen, ein verhältnismäßig kleiner der Arbeitergruppe; in der Hauptsache werden jedoch die meisten der Allgemeinen Zionisten eine zunächst abwartende Stellung einnehmen und sich je nach der sich entwickelnden Kräftekonstellation verhalten. Gerade dadurch werden sie freilich die Entwirrung der Situation besonders schwer machen. Denn, da der größte Teil der Misrachi in den politischen Fragen mit den Revisionisten gehen dürfte, deren Fraktion von 44 Mann dem Kongreß in mancher Hinsicht ein neues Gesicht geben wird, stehen sich die Flügel in annähernd gleicher Stärke gegenüber, um so mehr als die Radikalen eher der Arbeitergruppe Gefolgschaft leisten werden als den Revisionisten, von denen sie doch außerordentlich vieles trennt. Die Entscheidung liegt danach bei der amorphen und bis heute unorganisierten und programmlosen Gruppe der Allgemeinen Zionisten, von der man nur weiß, daß sie auseinanderfallen wird und daß sie dem Kongreß nützen würde, je eher und je entschiedener sie es tut. Denn eine alle Gruppen, von den Zionisten bis zu den Arbeitern, umfassende Koalition scheint heute völlig unmöglich. Der Gegensatz zwischen dem Programm der Revisionisten einersteits und dem der Arbeitergruppe anderseits, das ganz das Weizmanns ist, kann nicht iiberbrückt werden; dazu ist er, in den gesinnungsmäßigen Grundlagen sowohl, wie in den vorgeschlagenen Methoden zu groß. Ob unter solchen Umständen die Wahl der neuen Leitung, wie es zweifellos am besten wäre, sehr rasch vonstatten gehen kann, muß leider bezweifelt werden und es steht daher auch zu befürchten, daß darunter die Beratung der unübersehbaren Fülle von Aufgaben politischer, wirtschaftlicher und organisatorischer Natur, die der Kongreß zu erledigen hat, einigermaßen leiden wird. Freilich muß man auch zugeben, daß eine Entscheidung dieser Fragen ohne Rücksicht auf die neue Leitung schlechterdings unmöglich ist. So wird sich der Kongreß allem Anschein nach auf eine großangelegte Auseinandersetzung zwischen dem System Weizmann und dem System Jabotinsky zuspitzen, die beide in ihren Grundzügen so bekannt sind, daß sie hier nicht noch einmal erörtert zu werden brauchen. Denn selbst wenn der Rücktritt Weizmanns unwiderruflich sein sollte — und wie uns scheint, sollten ihn gerade seine Freunde nicht von diesem Entschluß abbringen wollen, — so ist es doch sein politisches und wirtschaftliches System, das großen Teilen der zionistischen Bewegung das einzig denkbare und den zionistischen Zielen entsprechende erscheint. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte der Kongreß, infolge der starken Position der Linken, sich für das System, wenn nicht sogar für den Mann Weizmann entscheiden, der zweifellos den Zionismus jahrelang so repräsentiert hat, daß es schwer fällt, sich an seine Stelle irgendeinen anderen zu denken. Man kann nur hoffen, daß diese Auseinandersetzung sich in Formen vollzieht, die der zionistischen Bewegung keinen Schaden zufügen. Die Situation, in der der XVII. Zionistenkongreß Zusammentritt, ist außerordentlich ernst. Seit zwei Jahren hat die zionistische Bewegung nicht vermocht, der andauernden Verschlechterung der politischen und wirtschaftlichen Lage Einhalt zu tun und sich eine feste Basis zu schaffen, auf der ein Neuaufbau möglich gewesen wäre. Die politischen Niederlagen haben die Zionisten nicht dazu gebracht, sich fester zusammenzuschließen; im Gegenteil, der innerzionistische Streit, der in gewissen Grenzen sicher unvermeidlich war, hat die Bewegung ausgefüllt und ihre Kräfte geradezu lahmgelegt. Der Kongreß nun., und darin darf man wohl seine Hauptaufgabe erblicken, hat diesem Streit ein Ende zu machen, er hat der zionistischen Organisation eine neue Leitung zu geben, und er hat vor allem dafür zu sorgen, daß die Organisation selbst reformiert, daß sie vor allem wieder dazu fähig wird, neue Menschen in großem Ausmaße zu gewinnen und so ihre Macht und ihren Einfluß zu stärken. Erst dadurch wird auch eine Regelung der wirtschaftlichen und kolonisatorischen Fragen angebahnt, die ihrerseits wieder — das geben selbst die Revisionisten zu — Vorbedingung ist für Erfolge auf dem politischen Gebiet. Zu diesem Zusammenhang gehört selbstverständlich auch die Aufgabe der Fundierung und Demokratisierung der Jewish Agency, zu der Projekte vorliegen, die durchführbar sind und die weite und optimistische Ausblicke in die Zukunft geben — wenn nur der Zionismus in sich stark bleibt und die Fäigkeit besitzt, wieder alle Zionisten zu gemeinsamer Arbeit zu verbinden. Es werden diesmal in Basel keine Feiertage sein. In kurzer, viel zu kurzer Zeit hat der Kongreß eine große Tagesordnung durchzuarbeiten, Berichte zu hören, Beschlüsse zu fassen. Die gesamte Judenheit, Zionisten wie Nichtzionisten, wartet mit Spannung auf das Ergebnis der Baseler Tagung, das letzten Endes davon abhängen wird, ob die