Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 24 (12.6.1931)
- Date
- 1931-06-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103087-9176178--11769-9083840- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 24 12. Juni 1931 18. Jahrgang Die neue Berliner Gemeindeverwaltung Durch die Abweisung der zahlreichen Einsprüche, welche gegen die am 30. November 1930 in Berlin vorgenommenen Wahlen in die Jüdische Gemeinde eingebracht wurden, war die neue, Repräsentantenversammlung bestätigt und am 7. d. Mts. hielt diese Versammlung in der neuen Zusammensetzung ihre erste Beratung ab. Das Gremium zählt 24 Liberale, 14 Volksparteiler, einen Poale Zionisten, einen Mittelparteiler und ein Mitglied der sogenannten Überpartei. Die Liberalen verfügen also über eine starke Mehrheit, ohne jedoch im Stande zu sein, grundsätzliche Änderungen der Gemeindeverfassung durchzuführen, weil ihnen hierzu die notwendige Zahl von zwei Dritteln aller Mitglieder fehlt. Die Einsprüche, welche sofort nach dem 30. November gegen die Wahlen eingebracht wurden, waren zum großen Teile ein Ausfluß der erregten Stimmung, die in weiten Kreisen wegen verschiedener während der Wahlen zutage getretener unangenehmer Begleiterscheinungen herrschte. Es sei ausdrücklich festgestellt, daß die Jüdische Volkspartei als Organisation diese Einsprüche weder angeregt, noch unterstützt hat. Es waren tatsächlich einzelne Gemeindemitglieder, welche empört über die Verunglimpfung der ostjüdischen Gemeindemitglieder durch liberale Paiteigänger und erregt über die skrupellosen Methoden völlig indifferenter nur noch formal mit dem Judentum zusammenhängende Menschen an die Wahlurne zu schleppen, indem man ihnen die schrecklichen Gefahren eines zionistischen Sieges in den verlogensten Farben malte, Protest gegen zahlreiche Wahlungehörigkeiten und auch Mißbräuche erhoben. Diese Einsprüche hatten zur Folge daß der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde unter der Ägide des volksparteilichen Vertreters, Direktor Kareski, verblieb. Mittlerweile sind sechs Monate verstrichen, und gerade diese Zeit hat in hohem Maße dazu beigetragen, daß im liberalen Lager, deren Vertreter jetzt quasi als Alleinbeherrscher in die Ver; waltung der Berliner Jüdischen Gemeinde einziehen, eine gewisse Beruhigung und Ernüchterung eingetreten ist. Sofort nach Bekanntwerdung der Wahlergebnisse am 30. November konnte man im Hauptorgan der Liberalen, der „Jüdisch-liberalen Zeitung“, so manches lesen, was geeignet war, die größten Befürchtungen hinsichtlich der jüdisch-politischen Reife der liberalen Mandatare zu hegen. Da wurde restloser Abbau der mit ungeheuerer Mühe gescnaifenen Schulorganisation der Berliner Jüdischen Gemeinde verlangt. Man konnte lesen, daß in der Beamtenschaft und unter den Angestellten der Berliner Jüdischen Gemeinde, deren Zahl in die Hundert geht, eine Musterung nach Parteigesichtspunkten vorgenommen werden soll. Man drohte in der Jüdischdiberalen Zeitung geradezu mit einem Pogrom gegen alle Funktionäre der Berliner Jüdischen Gemeinde, welche des Zionismus verdächtig erschienen. Im ersten Rausch des errungenen Sieges erlangten damals die radikalsten Elemente unter den Liberalen die Obernand und die Stimmen der erfahrenen liberalen Führer, die ganz genau wissen, daß nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde, kamen garnicht zur Geltung. Die sechs Monate Wartezeit zwischen der Wahl am 30. November und der endgültigen Bestätigung des Wahlergebnisses durch die Aufsichtsbehörde haben ernüchternd und beruhigend gewirkt. Heute kann man bereits aus liberalen Hauptorganen ganz andere Töne hören. Selbst die radikalsten liberalen Elemente sind zur Einsicht gekommen, daß es irn Leben einer Gemeinschaft so etwas wie Kontinuität gibt und daß die praktische Arbeit, die Konfrontierung mit den Realitäten des Lebens ganz etwas anderes sind als Wahlreden und Wahlaufrufe. Als im Jahre 1926 die antiliberale Koalition der Berliner Jüdischen Gemeinde die Mehrheit erlangt hatte, da wurde von dieser Koalition sofort nach der Wahl die Parole ausgegeben, daß der Weg für eine Kooperation aller Richtungen innerhalb der Gemeinde geebnet sei. Die Führer der Koalition hatten das selbstverständliche Empfinden, daß in einer jüdischen Gemeinde nicht streng nach dem Prinzip von Mehrheit und Minderheit regiert werden kann und daß es bei einer sehr großen Zahl von Problemen der Zustimmung aller bedarf, damit gedeihliche Arbeit im Interesse der Gesamtheit geleistet werde. Diese Arbeit der Koalition ist leider durch das Verhalten der liberalen Minderheit nicht restlos zur Durchführung gelangt. Sofort nach der Einsetzung der neuen Gemeindeverwaltung, entsprechend dem Wahlergebnisse von 1926, schlugen die Liberalen eine Taktik ein, die erkennen ließ, daß sie die ganze Wahlperiode als eine Vorbereitung zum kommenden Wahlkampfe betrachten Sie haben zwei Jahre lang eine faktiöse Opposition getrieben, und erst als es zu einer Vereinbarung zwischen der Mehrheit und den Liberalen kam und die Koalition sich mit einer Verkürzung der Wahlperiode um zwei Jahre einverstanden erklärte, kehrte einigermaßen Ruhe und Frieden in die Gemeindestube der Berliner Kehilla ein. Die Volkspartei ist in der neuen Repräsentantenversammlung in der Minderheit, wenn auch in keiner hoffnungslosen. Nach den bisherigen Äußerungen der volksparteilichen Führer ist nicht anzunehmen, daß nunmehr die Minderheit das Beispiel der liberalen Minderheit vom Jahre 1926 nachahmen wird. Auf volksparteilicher Seite besteht vielmehr der Wille, loyal mitzuarbeiten. Die allgemeine Situation der Juden in der ganzen Welt, der Notstand, der unter den deutschen Juden herrscht, der verstärkte Druck der Außenwelt gegen die jüdische Gemeinschaft, legen jedem verantwortungsvollen Juden in der gegenwärtigen Zeitspanne die erhöhte Verpflichtung auf, alles zu unterlassen, was eine Milderung der bestehenden Not hindern könnte. Es gibt eine große Anzahl von Gemeindeproblemen, besonders in dieser Krisenzeit, die eine Behandlung jenseits von aller Parteilichkeit erfordern. Diese Einsicht herrscht bei der gegenwärtigen Minorität in der Berliner Gemeinde-