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Das jüdische Echo · 1931-04-24 · 17 (24.4.1931) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
18 (1931)
Issue
17 (24.4.1931)
Date
1931-04-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 17 24. April 1931 18. Jahrgang Lehrmeisterin Not? Im allgemeinen lehrt Not beten; dauert sie lange, zwingt sie auch zum Handeln. Was Einsicht klarerer Köpfe und Mahnworte weitsichtiger Männer nicht zu wirken vermögen, das hämmert die Not in das Bewußtsein der Massen. Politisch reife Völker lassen sich rechtzeitig von Erkenntnissen leiten, unpolitische Nationen müssen aus ihrer Lethargie mit der Zuchtrute der Not geweckt werden. Es gibt aber auch Völker, die nicht einmal durch Not zur Überlegung, zur Besinnung, zu Erkenntnissen und schließlich zu Taten geführt zu werden vermögen. Es hat den Anschein, als ob das jüdische Volk zur letzten Sorte, zur Klasse der unbelehrbaren Nationen gehört. Das ist ein hartes Urteil, und es fällt nicht leicht, diese Verurteilung auszusprechen. Aber die Tatsachen und das Beweismaterial sind erdrückend — man kann zu keinem Freispruch gelangen. Die Entwicklung der jüdischen Geschicke in der ganzen Welt zeigt zwei Tendenzen. Die eine ist die Auflockerung, Verwässerung und Schwächung der Bewußtseinsinhalte, die die jüdische Gemeinschaft durch die vielen Jahrhunderte des Diasporadaseins widerstandsfähig gemacht haben und stets einen großen Kern des jüdischen Volkes vor Auflösung und Untergang behüteten. Das Gefühl der Schicksalsverbundenheit und Gleichheit aller Juden, vom Standpunkt des Judentums betrachtet, ist in vielen Ländern abgeschwächt. Das Bewußtsein der jüdischen Gemeinsamkeit, des unzerreißbaren Zusammenhanges mit den zahllosen Generationen seit den Tagen der Erzväter ist gelockert und Abgründe bestehen, Abgründe der jüdischen Gefühlswelt, zwischen den Juden von Ost und West, Nord und Süd. Das einigende Band der jüdischen Lehre ist zerrissen, die verbindende Kraft des jüdischen Lebensstils ist in weiten Schichten der jüdischen Gemeinschaft geschwunden. Die Erinnerung an 'das gemeinsame Ursprungsland, an die Volksheimat, ist ausgemerzt, und allen Versuchen, im Wege dieser Erinnerung das jüdische Bewußtsein zu stärken, wird entweder weitgehende Gleichgültigkeit oder direkte Ablehnung gegenübergestellt. Dazu kommt, daß die verschiedenen Formen der wirtschaftlichen Sonderexistenz, die im Laufe der Diaspora die Basis für die Bewahrung der jüdischen Eigenart bildeten, fast in der ganzen Welt einer Umwandlung oder dem Verfall unterliegen. In den jüdischen Massensiedlungeu Osteuropas herrscht Not, weil die umwohnenden Völker in steigendem Maße die seit jeher von Juden ausgeübten Berufe ergreifen und die Juden verdrängen. In Mittel-, Westeuropa und in Amerika sind die von den Juden in außerordentlich hohem Prozentsatz bevorzugten Erwerbszweige wirtschaftlich unrationell geworden, ohne daß die Juden bisher die Möglichkeit gehabt hätten, unter Bewahrung ihrer Eigenart den Weg zu neuen Erwerbszweigen und den Anschluß an die siegreichen Formen des Produktionsprozesses zu finden. Wirtschaftliche Unsicherheit und eine stetige Steigerung der jüdischen Verarmung sind die traurigen Ergebnisse dieser Entwicklung, nicht nur in Osteuropa, sondern auch in jenen Ländern, in denen sich die Juden in den letzten Jahrzehnten, im Zeitalter der ungehemmten Individualwirtschaft, eines beachtenswerten Wohlstandes erfreuten. Da die Situation in der ganzen Welt derart war, daß die Juden für ihr jüdisches Leben, je nach der Intensität dieses Lebens, größere oder geringere Aufwendungen machen mußten, und demgemäß zusätzliche Leistungen (im Vergleich zur Umwelt) zu vollbringen hatten, ist durch die fortschreitende Verarmung der Zeitpunkt nahegerückt, da die Juden ihr Judesein nicht mehr werden bezahlen können. Dieser Prozeß mag in seinem Ablauf in einzelnen Ländern beschleunigt oder langsam vor sich gehen — in der Tendenz ist er in allen Diasporaländern gleich und das Fatale ist, daß das Hilfsmittel aus früheren Zeiten, die Auswanderung oder die Flucht in andere Länder, jetzt nicht mehr zur Verfügung steht. Die Welt ist einheitlich und für die Juden klein geworden. Nirgends braucht man sie mehr, nirgends läßt man sie, die Händler und Krämer, die Vertreter der freien Berufe, hinein. Gegenüber diesem System- und Strukturwandel der Weltwirtschaft versagt die bewährte jüdische Findigkeit, und kein noch so scharf spähendes jüdisches Auge vermag in den werdenden Formen der gebundenen oder der Planwirtschaft Lücken zu entdecken, die eine Massierung von Juden in bestimmten Erwerbszweigen gestatten und die Möglichkeit einer wenn auch nur labilen Wirtschaftsbasis als Plattform einer Gruppen-Sonderexistenz geben würden. Neben dieser in großen Zügen skizzierten einen Tendenz der jüdischen Entwicklung in aller Welt läuft eine an Umfang leider nur geringe, an Bedeutung aber entscheidende zweite, nämlich die Tendenz der Schaffung geschlossener jüdischer Siedlungen, in denen eine Normalisierung des Wirtschafts- und Volkslebens erfolgen und so die Erhaltung des Judentums garantiert werden kann. Nur in geschlossener Siedlung ist der Einzelne des Zwanges enthoben, zusätzliche Leistungen zu vollbringen; nur in geschlossener jüdischer Siedlung fließt menschliche und jüdische Existenz in eins zusammen und selbst weitestgehende Verarmung einer geschlossenen jüdischen Siedlung gefährdet nicht den jüdischen Charakter der in der geschlossenen Siedlung lebenden jüdischen Menschen. Das ist der wesentliche soziologische Grund., der weitsichtige, erkenntnisfrohe, jüdisch-bewußte Menschen zu einer Bejahung aller Umschichtungs- und Aufbaubestrebungen in geschlossenen jüdischen Siedlungen führt. Diese Erkenntnis läßt alle am Aufbau des jüdischen Palästina Interessierten, die in jenem Lande unter den größten politischen, me'nschlichen und finanziellen Schwierigkeiten vor sich gehende Aufbauarbeit als die zukunfts-

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