Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 16 (17.4.1931)
- Date
- 1931-04-17
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 16 17. April 1931 18. Jahrgang Ausblick auf den 17. Zionistenkongreß Der 17. Zionistenkongreß und die Tagung der Jewish Agency sind für Ende Juni, bzw. Mitte Juli, nach Basel einberufen. Diesen Tagungen wird angesichts der in der ganzen Welt herrschenden schweren Situation der jüdischen Gesamtheit und der zentralen Bedeutung Palästinas auch als Auswanderungsland (so gering die Auswanderung nach Palästina ist, so ist sie doch im gegenwärtigen Augenblick auch die zahlenmäßig größte von allen Quoten, die für jüdische Einwanderer in der ganzen Welt in Betracht kommen) eine große Bedeutung zu. Es verlohnt sich also, einen Rückblick auf die innerzionistischen Wandlungen seit den Züricher Tagungen zu werfen. Die inneren Verhältnisse der zionistischen Organisation haben sich seit der Züricher Gründung der erweiterten Jewish Agency wesentlich verschoben. Bis Zürich war die Haltung gegenüber dem Agency-Problem das Schibbolet für die innerzionistische Gruppierung, hinter dem alle Fragen zurücktraten. In den letzten zwei Jahren aber ist vor allem die Politik in den Vordergrund getreten. Wir erlebten eine Krise des politischen Systems des Zionismus. Das Vertrauen zur Mandatarmacht wurde erschüttert und die Vorstellung, die man bisher von der englischen Palästinapolitik hatte, geriet ins Wanken. Dabei ist die sozialpsychologisch überaus interessante Tatsache zu vermerken, daß man sich in zionistischen Kreisen eine Vorstellung der englischen Politik gemacht hatte, die mehr einem zionistischen Wunschbild als den vorliegenden Dokumenten und eindeutigen englischen Erklärungen entsprach. Seit 1921 hat sich die englische Politik, die im Weißbuch von 1922 formuliert wurde, nicht wesentlich geändert. In zionistischen Kreisen aber glaubt man, das Weißbuch als eine Art taktische Nebensächlichkeit bagatellisieren zu können und hielt es für möglich, die Engländer darüber zu belehren, welches ihre „wahre“ Palästinapolitik sei. Die Versuche Weizmanns auf dem Wiener Kongreß 1925, die Dinge in ihren wahren Maßen darzustellen, erregten höchstens die Wut der zionistischen Hörer, an den Vorstellungen wurde nichts geändert. So kam es, daß die Engländer immer deutlicher wurden und daß nach den Unruhen vom August 1929 jene Vorstellung, die man sich zurechtgelegt hatte, einen schweren Schlag erlitt. Nunmehr wandte sich wieder der Unwille gegen die zionistische Führung. Es ist hier nicht unsere Aufgabe, diese Führung in Schutz zu nehmen. Wir glauben vielmehr, daß sie schwere Fehler begangen hat, indem sie sich von den Ereignissen treiben ließ, statt aktiv und weitsichtig einzugreifen; sie hat z. B. verabsäumt, aus ihrer Erkenntnis der englischen Haltung die Konsequenzen zu ziehen und sich mit den anderen maßgebenden Kräften, die bei dem Ringen um Palästinas Zukunft eine, ausschlaggebende Rolle spielen, auseinanderzusetzen. Wie dem auch sei, die zionistische Führung konnte sich offenbar in der ersten Zeit nach den Unruhen dem ihr drohenden Sturm der Opposition nur dadurch entziehen, daß sie selbst sozusagen in die Ideologie der Opposition einschwenkte. Auf diese Weise wurde Ende 1929 der Eindruck erzeugt, als ob die große Mehrheit aller Zionisten jetzt hinter dem kampflustig gewordenen Dr. Weizmann stünde. Im Verlaufe der weiteren praktischen Politik mußte sich diese Konstellation wieder ändern. Denn jede praktische Politik, die mit Realitäten konfrontiert ist, führt zu Kompromissen und Konzessionen, und der Führer, der diese Lage übersieht, ist dazu gezwungen. im Interesse der von ihm vertretenen Sache Konzessionen zu machen, die den auf eine einseitige Ideologie gedrillten Anhängern oft unbegreiflich scheinen. Darum hat der Führer so ( oft das Schicksal, in den Augen seiner Anhänger ’ zum „Verräter“ zu werden. Herzl ist noch im richtigen Moment gestorben, um von der zionistischen Bewegung heroisiert zu werden, obwohl er kurz vor seinem Tode hart daran war, als Verräter stigmatisiert zu bleiben. In seinen kürzlich erschienenen „Erinnerungen eines Lebens“ (Verlag Paul List, Leipzig) knüpft Franz Blei an das Schicksal Lenins einige richtige Bemerkungen, die man leicht auf Führer anderer Bewegungen übertragen kann; er sagt, Lenin sei so glücklich gewesen, zu sterben, bevor er zum Verräter hätte werden müssen, denn solcher Verrat ist das notwendige Merkmal der Verwirklichung jeder nur in der Abstraktion hundertprozentig konsequenten Idee. Innerhalb des Zionismus hat die Diffamierung von größeren und kleineren Führern, die von der Schablone abweichen, als „Verräter“, in den letzten zwei Jahren beängstigende Dimensionen angenommen, die ein Zeichen der gefährlichen Massenhysterie sind. Jedenfalls ist die heutige innerzionistische Lage charakterisiert durch ein allgemeines Mißtrauen, dem schwer zu begegnen ist, weil es krankhaften Ursprung hat. Diese Atmosphäre haben sich die verschiedensten Elemente zunutze gemacht, um unkontrollierbares Gift zu verspritzen; überall werden Nachrichten erfunden, die auch dann, wenn sie später dementiert werden, Spuren zurücklassen. Alle Handlungen Dr. Weizmanns und anderer Personen werden verdächtigt, alle möglichen Körperschaften fühlen sich berufen, Kontrolle und Einfluß zu fordern, kurz das Mißtrauen erweist seine zersetzende Wirkung. Dies geht so weit, daß selbst Personen, die früher der Opposition angehört haben, aber durch ihre — zunächst als Kontrolle der Führung gedachte — Mitarbeit an den praktischen Aufgaben den Dingen etwas näher gekommen sind, selbst schon als kompromittiert erscheinen und bald auch den Titel des Verräters bekommen werden. Es ist klar, daß es in dieser Weise nicht weiter gehen kann, wenn der Zionismus seine Lebenskraft und eine aktionsfähige Organisation behalten will