Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 12 (20.3.1931)
- Date
- 1931-03-20
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 12 20. März 1931 18. Jahrgang Salon-Hnt isemlten Aus Lettland kommt die Nachricht, daß sich dort eine antisemitische Hakenkreuzler-Partei zusammengeschlossen hat und daß sie ein Programm veröffentlichte, welches wörtlich das nationalsozialistische Programm von Adolf Hitler übernimmt. In Rumänien hat der dort seit jeher randalierende Judenhaß neue Formen angenommen und seine seit Jahrzehnten geübte judenhetzerische Tätigkeit mit einem Programm gekrönt, das gleichfalls Hitlers Formulierungen akzeptiert. In Ungarn ist der Antisemitismus schon seit Jahren eine Filiale des deutschen Nationalsozialismus. In Nordamerika flattern in Versammlungen, an denen hauptsächlich Deutsch-Amerikaner teilnehmen, wie in Chicago und anderwärts, Hakenkreuzfahnen über dem Podium der Referenten. Der österreichische Antisemitismus neuerer Prägung bezieht seine politischen und ,.geistigen“ Wahrheiten aus dem Parteibüro der deutschen Nationalsozialisten. Ja sogar im Orient und in Nordafrika übernehmen dortige Judenhasser, wenn auch nicht das Symbol des Hakenkreuzes, so doch die Theorien und Formulierungen der deutschen Rassenantisemiten. In Paris erlebte man in den letzten Wochen Demonstrationen, die an die Zeiten des Dreyfus-Prozesses erinnerten und denen sich die Pariser Polizeiverwaltung in der Weise gefügig zeigte, daß sie die weitere Aufführung des Dreyfus-Stückes verbot. An allen Hochschulen in Deutschland, Österreich, Rumänien, Polen und anderer Länder wächst unter der Blüte der einzelnen Völker und akademischen Jugend die Numerus-Clausus-Bewegung. Man kann also, ohne sich der Übertreibung schuldig zu machen, die Feststellung aussprechen, daß der Antisemitismus bereits international organisierte Formen angenommen hat, und man wird sich nicht wundern können, wenn wir in der nächsten Zeit vielleicht in Genf einen internationalen Antisemiten-Kongreß erleben werden, der, unter der Patronanz Adolf Hitlers stehend, französische Nationalisten, rumänische Deputierte, deutsche Akademiker, ungarische Offiziere, polnische Nationaldemokraten, Berber aus Nordafrika, Araber aus dem Vorderen Orient, Deutsch-Amerikaner aus Chicago und noch viele andere Vertreter aus aller Welt vereinigen wird. Dieser in aller Welt aufflammende moderne Judenhaß in neuartigen Formen bringt den Gedanken nahe, daß es sich überall um Ursachen ähnlicher Art handeln muß. Es geht in der ganzen Welt eine Bewegung nach neuer Bindung und nach Schaffung von Gemeinschaftsleben, ähnlich wie es im Mittelalter viele Jahrhunderte hindurch Norm gewesen ist. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende des 19. Jahrhunderts rebellierte der europäische Mensch, das Vorbild der Weltzivilisation, gegen die starren Bindungen des Mittelalters. Die freie Individualität wurde in heftigen Kämpfen entwickelt und fand ihre Krönung einerseits in der Individualwirtschaft, anderseits im demokratischen Staat. Diese weit getriebene Bewegung hat das Glück der Menschheit nicht zu schaffen vermocht. Es tritt nun eine Reaktion ein, und kennzeichnend für den Charakter dieser Gegenströmung ist, daß sowohl Sozialismus, wie auch der moderne soziale Nationalismus und der Faschismus gegen die Übertreibungen der Individualfreiheit Sturm laufen. Die neuen Gemeinschaften vertragen nicht von geringen Gruppen vertretene Differenzierungen. Sie drängen zur Uniformierung in Wirtschafts- und Geisteshaltung und verlangen Verzicht auf Eigenart. Da nun die Juden in der ganzen Welt unterscheidbar sind, so können sie, ähnlich wie im Mittelalter, nicht mehr ungestört in den neuen Bindungen und Gemeinschaften ihr Unterkommen finden. Sie werden hinausgedrängt und zu einem Zusammenschluß gezwungen. Die Emanzipation der Juden, die in den letzten anderthalb Jahren erfolgte, war nur in dem Zeitalter der Individualfreiheit möglich, und sie wurde ja auch nur den Juden als Einzelpersonen und nicht den Juden als Gemeinschaft gewährt. Wir erleben jetzt eine rückläufige Bewegung gegenüber der Ungebundenheit des Individuums und damit einen verstärkten Ausstoßungsprozeß gegenüber allen Splittern, die die Homogenität der sich bildenden Gemeinschaften bedrohen. Zu dieser Grundtatsache der modernen Entwicklung kommen noch viele andere Momente hinzu. Die allgemeine Unzufriedenheit mit den zivilisatorischen und technischen Zügellosigkeiten, die schwere Wirtschaftskrise, die durch die ganze Welt braust, die Verdrängung der abendländischen Führung durch die erwachenden Völker Asiens und Afrikas, die Nachwirkungen des sinnlosesten aller Kriege, des Weltkrieges 1914/1918, und das tiefe Mißtrauen der Welt gegen die Heimatlosigkeit der „magischen“ jüdischen Nation. Überdies ist noch der atavistische, ererbte, antijiidische Affekt vorhanden, der allen Völkern innewohnt, die während des Mittelalters gewöhnt waren, die Juden als eine Gruppe minderer Art zu behandeln, auf die sie voller Verachtung zur Erhöhung des eigenen Geltungsbedürfnisses herunterblicken konnten. Die gesetzliche Gleichberechtigung, die die Juden in den letzten anderthalb Jahrhunderten erlangt haben, ist von der Volksstimmung und der Gefühlswelt der Nichtjuden niemals ratifiziert worden. Wenn es in der vergangenen Zeit und heute umfassendere Schichten von Nichtjuden gab und gibt,, die bereit waren oder sind, den Juden wirkliche Gleichstellung zu konzedieren, so taten und tun sie das nicht aus einem primären Empfinden heraus, sondern auf Grund von Überlegung und logischen Deduktionen. Die moderne Seelenlehre hat aber das Geheimnis entschleiert, daß Ideologien und Überlegungen von sekundärer Bedeutung für das Handeln der Menschen sind, während primäre Empfindungen die Grundlage für das Verhalten der Menschen darstellen. Hält man sich das vor Augen, so kann man erst zu einer Wertung derjenigen Stimmen gelangen, die in der letzten Zeit, besonders in Deutschland,