Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 18 (1931)
- Issue
- 1 (2.1.1931)
- Date
- 1931-01-02
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Das Jüdische Echo Nr. Bemerkungen Hunger und Kälte Die Repräsentantenversammlung der Berliner Jüdischen Gemeinde, welche im Jahre 1926 gewählt wurde, hat in ihrer letzten Sitzung am 14. Dezember 1930 nach der am 30. November erfolgten Wahl der neuen Repräsentantenversammlung angesichts der ungeheueren Not, die auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung in Berlin vorhanden ist, eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, um unter äußerster Anspannung der finanziellen Mittel der Gemeinde und mit Zuhilfenahme aller hilfsbereiten, sozial fühlenden Kräfte wenigstens einen Teil dieser Not zu lindern. Hunger und Kälte tun weh, und wenn ein Notstand in den wärmeren Jahreszeiten noch einigermaßen durch das helle Licht der Sonne vergoldet wird, so wächst die Not in den Wintermonaten besonders für alte Menschen ins Unerträgliche. Mit Selbstverständlichkeit stellten sich darum alle Richtungen im Berliner jüdischen Gemeindeparlament auf den Boden der unabweislichen Verpflichtung, die die Jüdische Gemeinde hat, führend und helfend einzugreifen und alle Maßnahmen zu treffen, die in dieser schweren Situation notwendig sind. Das Ausmaß der gegenwärtigen Wirtschaftskrise wird gekennzeichnet durch die Tatsache, daß sicherlich nicht weniger als 10 Millionen Menschen in Deutschland genötigt sind, öffentliche Mittel ganz oder zum wesentlichen Teil in Anspruch zu nehmen. Wertwolle Arbeitskraft, arbeitsfähig und arbeitswillig, liegt schuldlos brach, die Wirtschaft ist nicht in der Lage, sie aufzunehmen. So ist die Arbeitslosenfrage zum dringlichsten sozialen Problem geworden. Die Einrichtungen des Staates und der Gemeinden reichen nicht aus, um die Not weitester Kreise in erforderlichem Umfange zu lindern. Die jüdische Not und die jüdische Arbeitslosigkeit sind nicht weniger katastrophal. Man kann ohne Übertreibung feststellen, daß die gegenwärtige Krise die wirtschaftliche Situation der Juden in verstärktem Umfange trifft, da sie Wirtschaftszweige erschüttert, Berufe entwurzelt, Wirtschaftsformen vernichtet, an denen die Juden besonders starken Anteil hatten. Hinzu kommt die von Tag zu Tag sich verschärfende Tendenz, jüdische Arbeitnehmer in ihrer Eigenschaft als Juden von jeglicher wirtschaftlichen Möglichkeit auszuschließen. Die politische Entwicklung der letzten Monate, die sich steigernde Wirtschaftskrise lassen kaum die Hoffnung zu, daß in allernächster Zeit mit einem grundsätzlichen Wandel, mit durchgreifender Änderung und Besserung zu rechnen ist. Der jüdischen Gemeinschaft, die auf ihren Bestand, ihre Entwicklung und ihre Zukunft bedacht ist erwächst eine schwere, verantwortungsvolle Aufgabe. Nicht alle Gemeinden und jüdischen Körperschaften sind für diese Arbeit gerüstet. Manche jüdische Gemeinde glaubt, ihrer Pflicht in dieser Stunde, die die ernsteste ist, die das deutsche Judentum seit Jahrzehnten erlebt, nachgekommen zu sein, wenn sie in alter Weise mehr oder minder große Beträge für „Wohltätigkeit“ in ihren Etat einstellt. Man erkennt hier noch immer nicht, daß es sich nicht mehr nur darum handeln kann, Wohltätigkeit ohne Sicht und Ziel zu üben, sondern daß es gilt, die produktive, die sozialpolitische, die wirtschaftliche Aufgabe zu erkennen, eine Aufgabe, die allerdings nicht isoliert von dem Einzelnen und einer Gemeinde gelöst werden kann. Erhaltung der Arbeitskraft und der Arbeitsfähigkeit, bestmögliche Ausbildung der Berufsfähigkeiten, Berufsberatung, Arbeitsvermittlung, genossenschaftlicher Zusammenschluß, Ausbau der Kredit- und Darlehensmöglichkeiten — das sind nur einige der wichtigsten Arbeitsgebiete, auf die sich die jüdisch-soziale Arbeit ' mit aller Kraft konzentrieren muß. Sozialpolitische Arbeit auf lange Sicht, Produktivgestaltung der Wohlfahrtspflege, Konzentrierung aller Mittel und Möglichkeiten auf die Erhaltung des sozialen Körpers des deutschen Judentums — wie wenige jüdische Gemeinden und Körperschaften haben die Bedeutung der Aufgabe in dieser Stunde erkannt. Viele glauben, durch „Friedhofspolitik“ der auf ihnen ruhenden Verantwortung gerecht werden zu können, andere durch Abbau der sozialen „Lasten“, und merken nicht, daß Gemeinden sich selbst aufgeben und vernichten, wenn sie die Menschen zugrunde gehen lassen, die sie zu erhalten berufen sind, ln „normalen“ Zeiten sich bewähren und soziale Arbeit in bescheidenem Umfange leisten, ist wenig, in gefährdeten Zeiten sich bewähren, alle Kräfte anspannen zur Erhaltung der Gegenwart, neue Fundamente legen zur Rettung der Zukunft ist mehr. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Die Grundlagen für eine verstärkte jüdischsoziale Arbeit sind vorhanden. Viele Gemeinden verfügen bereits über Wohlfahrts- und Jugendämter, die die Kräfte der Gemeinden zusammenfassen, die Gemeinden wiederum sind zusammengefaßt in den Provinzial- und Landesverbänden. An einigen Orten gibt es bereits jüdische Arbeitsnachweise, die nicht erfolglos innerhalb einer Gemeinde oder einer Provinz wirken. Hier und dort arbeiten Darlehenskassen und Kreditinstitute. Es gilt, alle diese Institute auszubauen und zu erweitern. sie bereit zu machen für die Not und Erfordernisse der Stunde. Es gilt, neue Menschen zu gewinnen, die bereits Arbeitenden immer wieder auf die Größe der Aufgabe hinzuweisen. Es gilt, die jüdischen Arbeitgeber an ihre Pflichten zu erinnern, den jüdischen Arbeitnehmern den Kampf um den Arbeitsplatz zu erleichtern. Es gilt, alle finanziellen Möglichkeiten zu mobilisieren und zusamrnenzufassen zur Erhaltung und zum Ausbau der sozialen Arbeit, unter Hintanstellung mancher Aufgabe, die in minder gefährdeten Zeiten dringlich sein mag. Und es gilt, den Geist zu ändern und zu erneuern, den Geist zu schaffen, aus dem heraus erst fruchtbare soziale Arbeit möglich wird. Fahnenflucht Die auf Freiwilligkeit beruhende Neuorganisation der deutschen Judenheit hat in den letzten Jahren keine Fortschritte mehr gemacht. Trotz mannigfacher Anstrengungen ist es z. B„ worauf man immer wieder verweisen muß, noch nicht gelungen eine Gesamtorganisation der deutschen Juden, den Reichsverband zu konstituieren; weshalb, soll hier nicht untersucht werden und auch nicht in welcher Weise man heute an seine Schaffung heranzugehen hätte. Tatsache ist nur, daß er in irgendeiner Weise auf den bereits bestehenden Landesverbänden beruhen wird müssen, deren