Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 36 (20.12.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-12-20
- Page
- Seite 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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112 Romanbeiiage des „Jüdischen Echos“ Nr. 36 Finger nicht schließen und er trägt alles in die Schenke, bald ein Stückchen Butter, bald ein Ei, alles .. Mordechai sah Tränen auf dem bekümmerten Gesicht. Er zog einige Münzen hervor und steckte sie der Bäuerin in die Fland. „Teuerster Flerr,“ die Bäuerin fiel ihm zu Füßen und küßte seine Kleider. Die Tochter, welche die ganze Zeit Mordechais Blick auswich, als wäre sie nie unter Menschen gekommen, hatte bisher am Spinnrad gesessen; jetzt wischte sie den Staub von den Heiligenbildern, die an den Wänden hingen; als sie sah, daß die Mutter Mordechai zu Füßen fiel, ergriff sie in ihrer Verlegenheit den Gänsekäfig und verschwand aus dem Zimmer. „Was tut Ihr? Schämt Euch doch!“ Verlegen hob Mordechai die Frau auf. Er ärgerte sich über das Mädchen, verabschiedete sich und ging ins Dorf. Die niedrigen Hütten sahen kaum aus den breiten Strohdächern hervor, die sich unter der schweren Last des Schnees bogen. Der Raum, auf dem die paar Dutzend Dorfhäuser verstreut lagen, schien kleiner geworden zu sein und die Bäume, Häuser und Scheunen waren einander näher gerückt. Bei einem Brunnen, der bis zum Holzrande vereist war, tummelten sich Knaben auf Holzschlittschuhen. Ihr kindliches Lachen zerriß die Stille. Aus einem offenen Stalle lugte ein Storch mit gesenktem Kopfe; das Leid des Winters war auf seinen unordentlichen Federn zu sehen; sein gebrochener Flügel starrte wie eine verdorrte Hand. Mordechai sah, wie der Vogel seinen gebrochenen Flügel ausstreckte und einen sehnsüchtigen Klageton ausstieß, wie wenn er ihm sein Unglück erzählen wollte. Alle waren fortgeflogen, nur ihn, den Krüppel, hatte man zurückgelassen, und nun mußte er in dem Schneelande dahinsiechen und erfrieren. Bei einem beschneiten Zaun stand eine Bäuerin, in eine Pferdedecke gehüllt. Mit ausgestreckten Fingern, die wie lange Krallen aussahen, fuchtelte sie vor dem Gesicht eines Bauern in mittleren Jahren, der jenseits des Zaunes stand: „... Wenn du das Schwein nicht hergibst, kratze ich dir die Augen aus!“ „Geh lieber nach Hause, Alte!“ Der Bauer zog die Hosen in die Höhe. „Ich gehe nicht fort!“ Die Bäuerin wollte über den Zaun klettern, dabei glitt die Decke von ihrem Kopfe und die ungekämmten Haare fielen ihr ins Gesicht. „Klettere nicht über den Zaun,“ der'Bauer griff nach seinem Riemen, „sonst zerbreche ich dir alle Knochen, Weib, daß du nicht mehr nach Hause findest.“ „Wer hat Angst vor dir?“ Ihre Nägel näherten sich drohend seinem Gesicht. „Du Schweinsohr! Ein Held, da schau her! Eine arme Witwe will er schlagen. Brich ihm doch Hände und Füße, heiliger Jesus!“ Die Türen der Häuser öffneten sich und neugierige Augen schauten heraus. Die Bäuerin wandte sich den Zuschauern zu: „Mein Schwein ist zu ihm in den Hof hinein, da hat er es eingesperrt und macht sich nichts zu wissen!“ „Bezahle den Schaden!“ Der Bauer zog die Hosen in die Höhe. „Einen Schmarren werde ich bezahlen!“ Wütend ging die Bäuerin auf den Bauer los. „Komm nur näher, du Hündin!“ Der Bauer winkte mit dem Finger. „Eine Hündin bin ich?“ Die Bäuerin wandte sich zu den neugierigen Augen hin, die aus den Häusern blickten. „Hättet ihr Gott im Herzen, ihr würdet nicht erlauben, daß eine arme Witwe so beleidigt wird!... Wer kann wissen... morgen kann eine andere Witwe werden! ...“ „Wie das sich das Maul zerreißt!“ — der Bauer schüttelte den Kopf. „Wie das schreit, wie eine Kuh, wenn sie kalbt!“ „Du bist nicht einmal imstande, dein Weib zum Kalben zu bringen!“ — schrie die Bäuerin noch lauter. „Ist es kein Wunder, daß sie mit einem Verschnittenen lebt?“ Ein Bürschchen von etwa zehn Jahren, Holzschlittschuhe in der Hand, die Taschen voll Schneeballen, kam hinzu. „Warum schreist du so, Mutter?“ Die Bäuerin begann noch einmal von Anfang und erzählte dem Jungen alle Einzelheiten; sie sprach mit ihm wie mit einem Erwachsenen. Der Junge zitterte vor Zorn, drohte dem Bauern mit den Schlittschuhen und schrie: „Gib das Schwein zurück!“ Das gab der Mutter Mut und sie stieg über den Zaun. Der Junge ihr nach. Der Bauer faßte sie bei den Haaren und riß so fest daran, daß die Bäuerin beinahe in den Schnee gefallen wäre. Der Junge warf dem Bauern einen Schneeballen mitten ins Gesicht; als er sah, daß der Bauer trotzdem die Mutter nicht losließ, kroch er ihm zwischen die Beine und biß sich wie ein Krebs fest; er quietschte, wie wenn er geschunden würde, und biß den Bauer so fest in den Fuß, daß der die Mutter losließ. (Fortsetzung folgt)