Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 36 (20.12.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD)UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 35. Fortsetzung Die dampfenden Kartoffeln benahmen Mordechai den Atem, er spürte eine Leere in der Herzgegend. Er sprang vom Ofen und wiederholte einige Male: „Schönen Dank für das Nachtlager!“ „Und wie habt Ihr geschlafen, Herr, bequem?“ fragte der Bauer, und Mordechai fühlte, daß ihn alle vom Kopf bis zu den Füßen musterten. „Wie ein Toter.“ „Das ist gut, Herr!“ Der Bauer stellte seine Mulde weg, stand auf und rieb die Hände an den mit Sägemehl und Spänen bestäubten Hosen ab. „Wofür sollt Ihr mir danken, es ist nicht der Rede wert!“ Er wandte sich zur Tochter. „Magda, gib ein Handtuch, der Herr wird sich waschen und mit uns essen!“ Das Mädchen stellte ihr Spinnrad weg, suchte in einem Koffer, nahm ein Stück Leinwand heraus und reichte es zaghaft Mordechai. „Bitte.“ Mordechai spürte den Geruch von Winteräpfeln, gemischt mit dem von getrocknetem Kien; er wußte nicht, ob diesen Geruch das Handtuch ausströmte oder das Mädchen. Während er ihre schimmernden Haare betrachtete, dachte er darüber nach, ob es das Mädchen sei, das neben ihm auf dem Ofen geschlafen. Er wusch sich und ohne sich lange bitten zu lassen, setzte er sich zu der Schüssel mit Kartoffeln. Alle aßen aus derselben Schüssel, mit Holzlöffeln, schweigend, anständig; erst als der erste Hunger gestillt war, begann der Bauer bedächtig: „Ist der Herr von hier?“ „Nein, Herr, ich komme von weit her.“ „Von wo?“ „Aus der Gegend von Plozk.“ „Ich kenne Plozk, Herr, ich bin oft hingekommen; eine schöne Stadt. Eine schöne Kirche ist dort und soviel Reichtum! Es schwindelt einem beinahe vor den Augen, wenn man hinkommt! Ich habe in den Wäldern von Lipowiec gearbeitet, Herr, Bäume habe ich dort gefällt!“ (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin „Kennt Ihr den dortigen Schreiber?“ „Ob ich ihn kenne, natürlich kenne ich den Pan Schreiber. Das ist ein braver Jude, ein ehrlicher Mann, ein wirklicher Herr! Der Herr kennt ihn?“ „Er ist mein Vater,“ sagte Mordechai, bereute das Wort aber sofort und senkte die Augen. Vor Überraschung stand der Bauer mit offenem Munde und glotzenden Augen da, bekreuzigte sich und wußte nicht, was er mit Mordechai beginnen sollte. Er fuhr über den nassen Schnurrbart, der wirr um seine Lippen hing, und schrie zur Bäuerin hinüber: „Weib, da wir einen solchen Gast haben, mußt du ein besseres Frühstück machen! Du hast doch Rahm? Gib das Brot und die Butter zum Tisch! Sofort — wo ist mein Pelz?“ Da Mordechai sah, daß der Bauer etwas holen gehen wollte, stand er auf und vertrat ihm den Weg: „Wohin geht Ihr?“ „Lieber Herr, Abramek wohnt nicht weit von hier, ich laufe nur nach einem Viertel Schnaps, teurer Herr.“ Je mehr Mordechai den Bauer bat, nicht zu gehen, desto zutraulicher und gerührter wurde dieser; er begann Mordechais Hände zu küssen. Mit Mühe riß sich Mordechai los. Als der Bauer das Zimmer verlassen hatte, wurde es unangenehm still. Mordechai betrachtete das zerfurchte Gesicht der Bäuerin, das ihn mit der Dumpfheit eines geackerten Feldes ansah, und fragte, um die Stille zu unterbrechen: „Ist es bei Euch auf dem Gutshof ruhig?“ „Ruhig und nicht ruhig, Herr,“ die Bäuerin schneuzte sich in ihre Schürze, „man kann nichts sagen! Das drifte Jahr schon verbrennt alles auf den Feldern, es gibt kein Brot und die Leute essen Wurzeln; sie schwellen davon auf... Gottes Fluch, Herr ... und mein Alter, ein Mann allein... andere Leute haben Söhne, die ihnen helfen... dazu, Herr, hat er sich in seinen alten Tagen noch an die Flasche gewöhnt... meine Hände, Herr, sind schon krumm von der Arbeit, ich kann die