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Das jüdische Echo · 1929-12-13 · 35 (13.12.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 110

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
35 (13.12.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-12-13
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 RomanbeHage des „Jüdischen Echos' Nr. 35 „Um eines Menschen willen, is't nichts schwer,“ tönte aus dem Dunkel eine Frauenstimme, in der Furcht und Ergebung zugleich klangen, „aber, lieber Herr, heutzutage, da die Wege voller Wölfe, aber keiner Menschen sind, da muß man vorsichtig sein!“ „Das Volk rebelliert auch bei euch?“ fragte Mordechai. „Das Volk, Herr, ist wild geworden, hat keine Furcht mehr vor Gott und haust in den Wäldern, daß man seines Lebens nicht sicher ist, wenn man durch sie fährt!“ „Und wie ist der Gutsherr?“ fragte Mordechai. „Das Dorf gehört doch Rudowski.“ „Ja, lieber Herr. Der Gutsherr, fragt ihr? Er ist, wie ein Gutsherr eben ist! Ins Vorwerk darf man nicht die Nase hineinstecken.“ „Der junge Herr,“ warf der Bauer ein, „ist kein Gutsherr, das ist ein Hundsfott! Er kann nichts als Bauern peitschen!“ Im Dunkel tönte das sehnsüchtige Muhen eines Kalbes. „Ihm ist bange nach der Mutter. Gestern hat man das Junge entwöhnt und im Stall ist es kalt, da haben wir es ins Zimmer genommen.“ Der Bauer faßte Mordechai bei der Hand und führte ihn zum Ofen: „Herr, da habt Ihr ein Kissen, kriecht hinauf; auf dem Ofen liegt Heu, da könnt Ihr Euch hinlegen, aber erschrecket nicht, meine Kinder schlafen dort.“ Mordechai stieg vorsichtig auf den Ofen. Über einer Decke schimmerte ein Kopf mit Flachshaar. Er streckte sich aufs frische Heu hin. Die schimmernden Haare, welche neben ihm lagen, machten ihn unruhig. Er hatte große Lust, sein müdes Haupt in den Haaren zu bergen; er fühlte, wie seine durchfrorenen Glieder auftauten; die Haare breiteten sich auf ihm aus wie frische Ähren, drückten leicht auf die Augenlieder, das sehnsüchtige Blöken des Kalbes wurde flehender, ferner, immer ferner, bis es in weiter Ferne verschwamm. In Mordechais Schlaf drangen Stimmen. Er fuhr auf mit der Vorstellung, er sei auf einem Jahrmarkt, und setzte sich auf. Sein erster Blick ging nach der Seite, wo die leuchtenden Haare gelegen hatten; er fand nichts und begann selbst zu zweifeln; am Ende war es ein Traum gewesen? Der Gänsekäfig, welcher über Nacht ins Zimmer genommen worden war, stand beim Ofen. Die Gänse steckten ihre langen Hälse durch die Stangen, reckten die Köpfe und schnatterten ihr einförmiges Gon-gon-gon. Das Kalb lag auf dem Stroh, streckte flehentlich die Schnauze vor und stöhnte ein zitterndes Muh. Ein alter Bauer, ohne Rock, meißelte mit einem Stemmeiesen eine Mulde aus einem Holzklotz heraus. Neben ihm saß seine Tochter am Spinnrad, und die Flachssträhnen, welche um ihren Hals hingen, flössen mit den durchsichtigen Haaren zusammen. „Essen, essen!“ rief die Bäuerin, schob unterm Ofen einen Holzklotz hervor, legte das Brett der Schlafbank darauf und stellte eine irdene Schüssel voll dampfender Kartoffeln hin. Der Dampf erfüllte bald das halbe Zimmer. Die Tür öffnete sich. Herein kam ein altes Weiblein an einem Stock: „Gelobt sei...“ „In Ewigkeit Amen! Alte, warum so früh?“ fragte die Bäuerin. „Habt Ihr Euch mit der Schwiegertochter gezankt?“ Die Alte klopfte den Schnee von ihren mit Lappen umhüllten Schuhen, schaute mit ihren trüben Augen auf die dampfenden Kartoffeln und seufzte: „Ich zanke mich mit niemandem ... ich kann mit dem schlimmsten Menschen auskomrnen... wenn man Tag und Nacht arbeitet, hat man keine Zeit zu streiten... man nimmt uns ja den Atem... mit einem Tier muß man auch Mitleid haben, es ist Gottes Geschöpf, wie erst mit einem Menschen? Schlechte Zeiten, liebe Marta, schlechte Zeiten ... unter drei Herren habe ich schon gedient, aber'ich erinnere mich nicht, daß die Bauern aus dem Hofe davongelaufen wären.. der Vater von unserem, der selige Rudowski, der war doch die Güte selber, nicht umsonst hat ihn das Volk ,Jesulein‘ genannt; aber einen Sohn hat er hinterlassen, der Donner möge ihn treffen, er kennt keine Kirche, was ist das für ein Katholik? Das ist der verfluchte Luzifer, wie er in den heiligen Büchern steht, ist es da ein Wunder, daß die Bauern, gute Katholiken, davonlaufen? Bei den Herren von heute hat ja der Mensch keinen Wert, er ist ärger als ein Hund... Wladek haben sie zum Strohschneiden genommen, er hat geschnitten, bis ihn die Kräfte verlassen haben, Tag und* Nacht, hat man je so etwas gehört? Jetzt liegt er im Bett und kann nicht atmen, er klagt über Seitenstechen... man muß ihm zur Ader lassen... so bin ich gekommen, um Euch zu bitten, Wojciech, Ihr möchtet nach dem Essen hinüberkommen ... „Gut, gut, Mütterchen! Ich werde kommen!“ „Gott möge Euch helfen!“ die Alte deutete dabei mit dem Stock auf die Dachbalken, als wollte sie zeigen, wo Gott ist, und ging mit kleinen Schritten hinaus. (Fortsetzung folgt)

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