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Das jüdische Echo · 1929-12-13 · 35 (13.12.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
35 (13.12.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-12-13
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 34. Fortsetzung Über der Brust der Leiche hing ein kleines Kreuz. Mordechai stand vor dem Toten mit gesenktem Kopfe, wie vor einem offenen Grab; er wußte nicht, wer es war, hatte vergessen, wie das Schicksal sie beide hierher gebracht hatte; er sah den verwaisten Stiefel und in seinen Ohren klang es: „Wirst nicht mehr Bauern im Flofe peitschen lassen.“ Die Krähen ringsum schrien unaufhörlich. Mordechai legte den Toten nieder, und obwohl er wußte, daß die Krähen in ausgraben würden, schüttete er doch einen Schneehügel über ihn, steckte das zerbrochene Kreuz hinein und ging querfeldein. Erst jetzt bemerkte er, daß er seinen Pelz nicht mehr hatte. Die kalte Winternacht fuhr ihm durch alle Glieder. Immer wieder schüttelte er sich, wie um sich vom Frost zu befreien. Er fragte sich nicht mehr, was er hier tat; er verstand jetzt, daß der ausgemergelte Priester, daß der Tote, den er eben im Schnee begraben hatte, nicht für ihre Brüder gefallen waren. Die Brüder haben dieses Opfer nicht angenommen. Wie hungrige Wölfe waren sie in der Nacht herbeigestürzt und nahmen Rache für das Gute, das man ihnen tun wollte — und vielleicht auch für die Schläge des Gutsherrn, für die Tränen ihrer Weiber und Töchter? Vielleicht... Mordechai ging schneller. Er lief fast; jedes Geräusch nahm sein Ohr auf und unterschied jedes genau... Wie ein Wagenlenker, der mit einem Paar wilder Pferde vorwärtsstürmt, die Zügel festhält und sicher ist, wie schnell auch die Pferde dahinjagen, seinen Händen würden sie sich nicht entreißen — mit derselben Sicherheit hielt sich Mordechai an seine geschärften Sinne und drang immer tiefer in die Nacht hinein. Die Sicherheit war in ihm und strömte aus jedem seiner Glieder, die Sicherheit, von der man selbst nicht weiß, bis man mit sich allein ist. Mordechais Hirn sprühte Flammen. Er sah ein Feuer um sich auflodern, das immer größer wurde und ein Gebäude nach dem ande- (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin reu erfaßte. Nackte Menschen laufen hin und her, zittern vor Kälte und können sich nicht am eigenen Feuer erwärmen. Das Feuer strömt wie ein Fluß dahin und loht. Die Menschen ringen miteinander, einer klettert über den anderen hinüber, sie wollen hinaus. Und inmitten des Flusses steht ein verbogenes Kreuz wie ein Damm und läßt keinen weiter. Es steht fest wie Gabriels Stab mitten im Meer... Dort ist bloß Rom erbaut worden und hier —■ eine Welt, eine ganze Welt, die untergehen muß. Blitzartig sah Mordechai einen Bau nach dem anderen sinken, ein Haus nach dem anderen prasselnd Zusammenstürzen. Auf den Trümmern steht ein Jude, steht Er, ruft zu sich die Erniedrigten, die Hungrigen, die Gepeinigten, reißt die Schleußen auf, bricht die Dämme, bringt die Flut über die Erde und führt über alles den Untergang herbei, daß der Mensch nackt, neugeboren weiterspinnen könne den Faden Gottes, den jüdischen Faden, der noch nicht gerissen ist... Spät bei Nacht klopfte Mordechai an ein niedriges Häuschen. Eine verschlafene Stimme tönte von drinnen: „Wer ist dort?“ , „Ein Wanderer will übernachten.“ Keine Antwort. Mordechai wollte schon weitergehen, da hörte er ein Geräusch bei der Tür. Eine verärgerte Stimme sprach: „Sie lassen einen nicht schlafen! Treiben sich bei Nacht umher wie böse Geister!“ Knarrend öffnete sich die Tür und hinter ihr sprach es: „Kommt herein, schnell, sonst haben wir den ganzen Frost.“ Mordechai trat in eine finstere Stube. Stickige warme Luft, die nach Kartoffeln und Kuhmist roch, schlug ihm ins Gesicht. Er schaute sich um, ohne jemanden zu sehen, und sagte: „Entschuldigt, gute Leute, daß ich euch geweckt habe. Ich will bloß über Nacht bleiben, ihr sollt dafür bezahlt bekommen. Am Morgen gehe ich gleich weiter. Ihr braucht nicht Angst zu haben ...“

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