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Das jüdische Echo · 1929-11-29 · 34 (29.11.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 108

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
34 (29.11.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-11-29
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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108 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 34 Jemand faßte Mordechai bei der Hand. Er sah einen Knaben, der sich an ihn klammerte, ein stummes erschrecktes Augenpaar war auf ihn gerichtet; Blut rann dem Knaben aus dem Munde. Mordechai legte ihm das Kreuz auf die Lippen und sofort riß ihn der Strom weiter. Er lief wie im Fieber, fühlte, wie sein Hände glühten und brannten, wollte sich von den weißglühenden Eisenstücken befreien, die er zwischen den Fingen hielt, und tausend Ereignisse leuchteten in einem einzigen Augenblick in ihrp auf; er hielt das Geheimnis der Welt in der Hand, das blutige Geheimnis, wollte es in die Masse schleudern wie einen wilden Stier, daß sie rasend werde und sich bei lebendigem Leibe auffresse. Er hob die Hand und sah, wie das Kreuz wuchs; es blieb zwischen ihm und der Masse stehen wie eine eiserne Mauer. Rote Heuertropfen jagten surrend vorbei. Mordechai war es, als würde er zurückgeschleudert — zerbrochen lag das Kreuz zu seinen Füßen. Er sah Kahane über dem zerbrochenen Kreuz stehen, mit ausgebreiteten Händen und hörte ihn schreien: „Rom ist gefallen, Rom ist gefallen!“ Die Masse hielt inne, dann wirbelte sie kopfüber und verschwand im Blau des Horizonts. Mordechai wunderte sich, warum es plötzlich so still geworden war. Er rief, er lief auf das Blau zu. Alles war erstorben, verschwunden. Blut und Feuer Mordechai öffnete die Augen, aber er konnte das Weiß des Schnees nicht ertragen und schloß sie wieder. Er wunderte sich, warum er sich nicht bewegen konnte. Sein ganzer Leib war starr. Der Schnee, welcher auf seinem offenen Hemd lag, floß glühend über seinen Körper; er kam zu sich und konnte sich ganz und gar nicht erinnern, wie lange er schon dalag. Er war sicher, er sei verwundet. Er begann mit den Händen um sich zu tasten, griff des zerbrochene Kreuz und erinnerte sich daran, daß der junge Priester bei der Kirche liegengeblieben war. Dieser Priester ist für Polen gefallen, für seine Brüder — die Tausende von Bauern, welche von überallher gekommen sind; und ich, Mordechai? Warum liege ich da? Eine Krähe schrie, eine zweite, eine dritte fiel ein. Mit Gekrächz stießen Krähen von allen Seiten nieder. Dort mußte wohl ein Mensch liegen. Mordechai spähte angestrengt hin; er sah die schwarzen Schnäbel über den Schnee streichen, länger und spitzer werden, auf und ab fallen, wie blinkende Klingen, niederstoßen, wo der Mensch lag. Eine Krähe hatte sich mit ausgebreiteten Flügeln auf den Schädel des Toten gesetzt, stieß mit dem Schnabel wie ein Specht und hieb mit unheimlicher Genauigkeit auf den Schädel ein, tief und immer tiefer, als wollte sie ihn mit einem Keil spalten. Mordechai fuhr es plötzlich durch den Sinn, daß er ja gar nichts sah, sondern sich alles bloß vorstellte; er erbebte. Der Wunsch, zu leben, begann in ihm zu wachsen, und je stärker und toller das Krächzen wurde, das die Stille der Nacht erzittern machte, desto stärker wurde in Mordechai der Wunsch zu leben. Mordechai blickte um sich und horchte. In das Krächzen der Krähen mischte sich ein abgehacktes Geräusch, als redeten Menschen. Auf dem Schnee, dort, wo der Mond einen Lichtpfad gezeichnet hatte, bewegte sich ein Menschenschatten. Mordechai kroch auf allen vieren vorwärts. Hinter einem Strauche ließ sich eine Bauernstimme hören: „. . . eine Kugel im Hinterteil . . . „Nun, steh auf, Herr Rebell, steh auf! . . . „Wolltest ein bißchen rebellieren, was? . . . „Wie starr das ist! . . . „Hast Angst gehabt, daß man dir den Wald wegnehmen wird, hast prügeln lassen, wenn ein Bauer ein Stück Holz für eine Deichsel nahm; aber jetzt schweigst du, was? Mehr als ein Brett für den Sarg wirst du auch nicht mitnehmen! . . . „Wirst nicht mehr Bauern im Hofe peitschen lassen . . . „Nicht mehr zu ihren Weibern gehen . . . „Nun, bieg den Fuß ein, so, jetzt streck deine Haxen aus! . . . „Da du Lust hattest zu rebellieren, so bleib da mit deiner Kugel im Hinterteil . . . Mordechai konnte nicht mehr an sich halten; er sprang auf und stürzte auf den Busch zu. Erschrocken faßte der Bauer einen gefüllten Sack, rief instinktiv „Jesus Maria“ und nahm Reißaus. In seiner Angst warf er auch den Sack weg und verschwand. An den Strauch gelehnt, stand ein nackter Leichnam. Sein rechtes Auge war ein wenig geöffnet, der Mund verzerrt, die linke Schnurrbarthälfte zwischen den zusammengepreßten Lippen eingezwängt, so daß es Mordechai vorkam, da stehe ein Mensch mit nur einem halben Gesicht, blicke ihn vorwurfsvoll an, weil man ihn in einer so kalten Winternacht nackt ausgezogen hat, und scheint hilflos zu weinen. Ein Juchtenstiefel, den der Bauer nicht Zeit gehabt hatte in den Sack zu stekken, lag im Schnee. (Fortsetzung folgt)

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