Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 34 (29.11.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-11-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE ' VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 33. Fortsetzung Die Damen suchten den Schauchet zu beruhigen, streichelten ihn, nahmen Samtbänder, Schleifen, Geschmeide vom Halse, flochten daraus für ihn eine Konfederatka mit einer Pfauenfeder, besprengten ihn mit Parfüms aus silbernen Flacons und losten, wer ihn zuerst abküssen sollte. Der arme Schächter saß unglücklich da, weinte und betete. Mordechai tauchte plötzlich bei der Gipsfigur auf, an der heilige Fahnen flatterten. Bleich, die Hände erhoben, stand er, etwas vorgebeugt, ohne sich zu rühren. Seine offenen milden Augen blickten ein wenig erschrocken, und der Blick, welcher , in sie fiel, konnte sich von diesen Augen nicht mehr befreien. Zwischen den flatternden Fahnen erglänzten zwei Gesichter, wie die zweier leiblicher Brüder — der bleiche Gottessohn und der noch bleichere Mordechai. Das Geschrei wurde gedämpfter, der Gesang leiser. Da und dort deutete man mit den Fingern in die Richtung, wo Mordechai stand, wie auf ein Wunder. Keiner begriff, was geschehen war, erstaunt hob sich die Menge auf die Zehenspitzen: „Wer ist das?“ „Ein Jude?“ „Er sieht aus wie der Herr Jesus.“ „Wer ist das?“ Mordechai stand reglos wie vorher, das Antlitz bleich und schmal, die Haare nachlässig über die Stirn fallend, den Mantel geöffnet, die weißen edlen Hände zum Volke gewendet. Die plötzliche Stille sauste in den Ohren und machte das eintönige Klingen der Kirchenglocken noch deutlicher; Furcht mit Neugier gemischt, wogte durch die Herzen. Niemand bemerkte, daß aus dem Walde Kosaken auf kleinen flinken Pferden heransprengten. Plötzlich ertönte Trommelwirbel. Die Kosaken mit funkelnden Bajonetten und schußbereiten Karabinern kamen näher. Statt zu fliehen drängte sich die Menge noch mehr aneinander, Schulter an Schulter, verfloß in eins, in eine unendlich lange Mauer; über dieser Mauer stand Mordechai, wie aus mattem Marmor gemeißelt, eine Hand an das Muttergottesbild gelehnt, und blickte auf die Menge. Die Masse gab sich einen Ruck; sie wollte in die Kirche, war aber so zusammengepreßt, daß keiner sich loslösen konnte. So schienen sie in der Luft zu hängen, als hätte sich ihr eine Faust in den Hals gebohrt, und blickte mit glotzenden Augen auf den bleichen Juden. Die Trommeln schwiegen, die heisere Stimme eines Offiziers ertönte: „Auseinander, sonst jagt man euch mit dem Gewehr auseinander!“ Alles stand unbeweglich. Ein junger Priester erhob ein Kreuz und stimmte an: Swiety Boze... Die Menge fiel ein. Swiety Boze, swiety mocny, Swiety a niesmiertelny, zmiluj sie nad nami. Alle entblößten das Haupt; der Gesang wurde stärker. Trotzig schauten sie auf die glitzernden Bajonette, auf die Mündungen der angelegten Karabiner, bereif, die Kräfte gegeneinander zu messen. Leichter Trommelschlag, der klang, wie wenn man Erbsen schüttelt, ließ die Luft erzittern. Er wurde stärker und ging in ein Heulen über, daß kalte Schauer über die Leiber liefen. Ein Knall übertäubte für einen Augenblick den stillen Gesang. Der ausgemergelte Priester ließ das Kreuz fallen, ein zweiter hob es auf, fiel aber sofort, von einer Kugel durchbohrt, nieder; Mordechai fing das Kreuz auf. Die zusammengepreßte Menschenmauer gab nach. Sie sprang über die stöhnenden Gefallenen, doch ohne zu weichen; und mit erhobenen Stöcken, mit geballten Fäusten, mit Steinen warf sie sich dem Feind entgegen. Mordechai lief voraus. Das zerrissene Hemd, aus dem der weiße Körper frei hervorleuchtete, die schmerzlich zusammengepreßten Lippen, die flammenden Augen schienen dem Feind entgegenzuschreien: „Schieße! Morde unschuldige Menschen!“