Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 33 (22.11.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-11-22
- Page
- Seite 106 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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106 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 33 Die Menge geriet in Bewegung; sie wollte näher zur Kirche kommen und schob Mordechai vorwärts; er war eingeklemmt, wurde vom Strom getragen wie ein Stück Holz und fürchtete, Kahane könnte in der Masse zerquetscht werden. Als er sich umsah, erblickte er ringsum mißtrauische Gesichter und stechende Augen; er hörte einen alten Mann, der eine Konfederatka trug, erzählen, wie er in den dreißiger Jahren Warschau verteidigt hatte; aber niemand hörte ihm zu. Alle drängten mit offenen Mündern, gierigen Augen und vorstehenden Ellenbogen zur Kirche; Mordechai kam der Gedanke, ob diese gleiche Masse imstande wäre, sich einem Feinde, wer immer er wäre, entgegenzustellen. Beim Kircheneingang, wo das Muttergottesbild stand, war eine weibliche Gipsfigur aufgestellt. Sie trug auf dem Kopf eine Konfederatka, auf der Brust einen weißen Adler aus Blumen gewunden; an Händen und Füßen hingen Eisenketten. Ein Häuflein junger Burschen und Mädchen kniete auf dem Schnee und sang: Boze cos Polske ... Die Menge fiel in den Gesang ein. Bei der Statue stand plötzlich ein Priester, ihm folgte ein zweiter, ein dritter. Die Menge rührte sich nicht; sie stand mit strahlendem Antlitz, hörte nicht, was gesprochen wurde, sondern fühlte bloß, die Stunde sei gekommen, die Ketten müßten zerrissen werden. Kahane sprach mit heiserer Stimme und fuhr dabei mit den Fäusten durch die Luft. Die in seiner Nähe Stehenden schwenkten die Hüte und schrien: „Einheit.“ Mordechai fühlte einen nassen Schnurrbart, der nach Tabak roch, auf seinen Wangen, ein alter Pole hatte ihn umarmt und küßte ihn: „Einheit sagt man, also Einheit!“ Jemand stimmte an und gleich hallte es über den ganzen Abhang: Z dymem pozarow- Der Gesang erhob sich immer höher, schwebte über den Pelzmützen der Bauern; in der Luft hing der heilige Glaube eines Volkes, daß es heute oder morgen frei sein werde. Ein Brausen ging durch die Luft. „Er kommt, er kommt!“ „Wer?“ „Prinz Poniatowski.“ „Wer ist das?“ „Wer das ist? Wie soll man es dir sagen?“ „Ein Prinz?“ „Ja, Herr, ein Prinz.“ „Nein, es ist ja Gaf Zamojski.“ „Weißt du es gewiß?“ „Gewiß oder nicht gewiß, aber, mein Lieber, da kommt bestimmt nicht irgendwer!“ „Was sagst du zu dem Gespann?“ „Wie das leuchtet!“ * „Gold!“ „Reines Gold.“ Aus dem Walde sprengte eine Suite Schlachtschitzen heran. Man lief ihr entgegen; niemand wußte, wer gefahren kam. Verschiedene Namen wurden gerufen, man stritt, man wettete. Bald erschien eine Kutsche, an der zehn Pferde vorgespannt waren, entsprechend den zehn Gouvernements Polens. In der Kutsche saß ein junger Mann, von Damen umgeben. Die Pferde waren in blauseidenen Brokat gehüllt, auf dem silberne Adler gestickt waren, und trugen auf den stolz emporgeworfenen Köpfen goldene Wappenschilder. Graziöse Töchter Polens in nationalen Krakauer Trachten bildeten eine Ehrenwache, beugten ein wenig ihre stolzen Köpfe und bezauberten mit ihren blauen Augen und den blonden Zöpfen. Leise schwangen die Glokken. Aus der Kirche kam dem Prinzen eine Prozession entgegen. Stärker schwangen die Kirchenglocken, und die stolzen Töchter Polens beugten ihre Köpfe tiefer; höher und stärker klang ihr Gesang, von dem Seufzen einer jüdischen Geige begleitet. So wurde das schwere Joch abgeworfen, die Schmach und das Leid des polnischen Volkes übertäubt, still und gottesfürchtig beugte die Menge die Knie vor ihrem Prinzen und sehnte sich nach einem Worte. Stolz stand der Prinz über dem knienden Volk und kaute kriegerisch an seinem langen Schnurrbart; da sah er vom Walde her einen Juden kommen. Es war Moischele, der Dorfschauchet, ein kleines Männchen mit schütterem Bart; er trug einen Sack mit Lungen und Lebern nach Hause. Der Prinz vergaß, daß die Menge kniete und seines Wortes harrte. Er sprang aus der Kutsche, lief dem kleinen Juden entgegen und umarmte und küßte ihn. Die Schlachtschitzen schwenkten die Konfederatka, die Damen ihre weißen Seidenhandschuhe, das Volk, das eben noch im Gebet versunken war, sprang mit einem „Vivat“ auf und schrie: „Einheit, lang lebe Moschko!“ und unter den Zurufen der Damen ging dem Prinzen sein Temperament durch; er hob Moische in die Höhe, ohne sich daran zu kehren, daß der kleine Jude mit den Füßen strampelte und weinte, und setzte ihn in die Kutsche; der Zug fuhr weiter. (Fortsetzung folgt)