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Das jüdische Echo · 1929-11-22 · 33 (22.11.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
33 (22.11.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-11-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDjüDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 32. Fortsetzung „Mit dir ist ja nicht zu reden“, unterbrach Komarowski Jelenski einige Male. „Willst du noch etwas hören?“ Jelenskis Augen leuchteten. „Ich habe ein kleines anonym erschienenes Buch liegen, in dem beschrieben wird, wie mein Vater zum Christen gemacht wurde. So oft ich dieses Büchlein lese, fällt mir ein, daß der Pole mehr nach der Herrschaft seiner Rasse Sehnsucht hat als nach einem polnischen Staat.“ „Nicht richtig, das ist nicht richtig.“ Kahane machte eine ärgerliche Handbewegung. „Der Autor des Büchleins“ — Jelenski ließ sich durch Kahanes ärgerliche Handbewegung nicht aus dem Konzept bringen — „klagt, man könne nicht durch die Straßen von Warschau gehen, ohne einem Neophyten zu begegnen. Die Neophyten befassen sich nicht mit Arbeit, jeder von ihnen hat zwanzig Schankhäuser, sie leben ganz abgesondert, verheiraten sich nie mit einem wirklichen Katholiken, kurz, sie sind dieselben Juden geblieben wie früher, ha, ha, ha, wie gefällt dir das?“ „Sonderbar, sonderbar,“ Kahane ließ seine Finger knacken, „kann man das Buch von dir bekommen?“ „Gewiß, ich habe sogar herausbekommen, wer das anonyme Büchlein geschrieben hat, es ist ein Pfaff mit Namen Hogortowski; aber hört weiter zu: Bei meines Vaters Taufmahlzeit, so erzählt er, waren etwa dreißig Neophyten zugegen, aber kein einziger wirklicher Katholik. Das Essen war genau so wie bei Juden: gefüllte Fische, weißer Barches, das Reden mit den Händen, die furchtsamen, schlauen Augen, sogar das zu häufige Kreuzschlagen. ,A11 das ließ mich fühlen4, so sagt der Autor, ,daß ich zwischen Juden sitze, daß sie mich scheel ansehen; sie haben jüdische Worte in ihr Gespräch eingeflochten, die ich nicht verstand; sie schienen vor mir auf der Hut zu sein, wie vor einem Fremden; so bin ich mitten im Festessen weggegangen.4“ Alle schwiegen eine Zeitlang und mieden Komarowskis Blick, als hätten Jelenskis Worte ihre Fahrt unnütz und unsinnig erscheinen lassen. „Da sind wir schon“, rief Kahane. Bergauf zogen sich sorgfältig gereinigte Wege, zu deren Seiten tiefer Schnee lag. Langgestreckte, weiß getünchte Gebäude waren auf dem Anwesen verstreut; sie sahen von weitem wie Kasernen aus. In der Mitte stand eine Kirche mit zwei Türmen, deren Kreuze, mit Schnee bedeckt, sich scharf in der durchsichtigen Luft abhoben. Die Kirchentüren standen weit offen, die Flammen der Wachskerzen leuchteten aus den Schatten hervor, verschwanden und blinkten wieder auf. Von allen Seiten fuhren Bauernschlitten heran. Junge Burschen mit Knotenstöcken kamen in ganzen Trupps, Frauen in schwarzen Kleidern knieten vor der Kirche und verschwanden einzeln in den geöffneten Türen, wie in einer tiefen, beleuchteten Höhle. Mönche in langen, braunen Kutten, mit Gürteln, deren Troddeln zwischen ihren Beinen baumelten, wandelten gottesfürchtig zwischen der Menge und taten ihre Tagesarbeit, als wäre nichts Außerordentliches vorgefallen. Der Schlitten hielt. Jelenski schlug die Decke zurück, alle stiegen aus. Es war schwer, zur Kirche durchzukommen. Die Menge drängte von allen Seiten. Immer neue Trupps kamen herbei. Einer trug ein Kreuz, ein anderer ein Heiligenbild. Ringsum tönte Gesang. Da hörte er auf, dort begann er, dort wieder fiel man mitten ein; unaufhörlich bekreuzigte sich das Volk und sang still mit wie beim Ablaß. Ein junger Priester trat grüßend näher. Er warf einen Seitenblick auf Mordechai. Als man ihn vorstellte, wurde es Mordechai unheimlich; er fühlte alle Blicke auf sich gerichtet. „Herr Kahane,“ zufrieden wies der Priester auf die unaufhörlich hinzuströmende Menge, „jetzt wird schon niemand mehr sagen, das Volk sei gegen den Aufstand, was?“ Mordechai hörte nicht zu. Er stand mit gesenktem Kopf und halb geschlossenen Augen und fühlte nicht, daß sich um ihn eine feste Mauer von Menschen erhob, die sich immer dichter zusammenpreßte und alles verdeckte, was ringsum vorging.

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