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Das jüdische Echo · 1929-11-15 · 32 (15.11.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 32

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
32 (15.11.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-11-15
Page
Seite 32 (sequence 2)
Language
German
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104 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 32 ehern zuzusetzen, gerade wenn Gäste im Hause sind, ha, ha, ha! Braucht ihr einen besseren Katholiken? Aber der Alte hat eine Schwäche: er jagt die arme Schlachta aus dem Hause, welche um meine Schwester wirbt, und will für sie einen Grafen, unbedingt einen aus den alten polnischen Grafengeschlechtern; aber die Grafen, die wollen es ihm für keinen Fall verzeihen, daß der Großvater Jeruchem vom Bischof Dembowski hundert Rutenstreiche bekommen hat!“ „Rutenstreiche?“ fragte Mordechai überrascht. „Ja, Herr, Rutenstreiche. Das war, warten Sie ... das war im Winter 1750. Der fromme Bischof hatte befohlen, binnen vierundzwanzig Stunden müßten alle Juden Kamieniec Podolsk verlassen, doch kein Pole dürfe es wagen, ein jüdisches Haus zu kaufen. Mein Großvater aber stiftete die Juden an, ihre Häuser in Brand zu stecken, damit sie nicht der Kirche anheimfallen. Er warf als erster den Brand in sein Haus, und vom jüdischen Viertel blieb über Nacht keine Latte übrig. Dafür hat man ihn mitten auf dem Markt auf den Schnee gelegt und gepeitscht, und der fromme Dembowski hat meine Großmutter gezwungen, die Hiebe zu zählen, die ihr Mann erhielt...“ Jelenski blickte von einem zum anderen, um sich von dem Eindruck zu überzeugen, den seine Worte machten. So oft Komarowski derlei Reden Jelenskis hörte, geriet er in Verlegenheit, als wäre er an allem schuld, wäre schuld daran, daß sein Großvater und sein Vater zur Belustigung aller Gäste Bauern und Juden hatte peitschen lassen. Er schaute auf die drei Juden, die ihm nahestanden und doch so fremd waren. Der Spott, der ihm schon von Kindheit an gegen die Juden eingepflanzt worden, war verschwunden und er sah in jedem Abkömmling aus jüdischem Blute etwas Tragisches, ein Geschöpf mit einem Kainszeichen. Er war mit Jerzy auf gewachsen, mit ihm zusammen in die Schule gegangen und hatte mit ihm zusammen geträumt; aber so oft er zu ihm auf Besuch kam, flößte Jerzys Vater mit seinem sorgenvollen Gesicht, flößten ihm die schweren Heiligenbilder und das leise Sprechen Furcht ein, und er hatte das Gefühl, sich in einer anderen Welt zu befinden, die ihm immer fremd bleiben würde. Jelenskis Augen funkelten und er fuhr fort. „Der Bischof fürchtete, die kommenden Generationen würden seiner großen Ergebenheit an die Kirche vergessen, deshalb beschrieb er selbst, wie er die Ungläubigen vertrieben hatte, ohne Mitleid mit Kindern und Greisen, wie er sie mit Hunden und Stöcken bis zu den Hüften in den Schnee gejagt hatte. Es tat ihm leid, daß er den krätzigen Jeruchem nicht hatte verbrennen, sondern mit hundert Hieben hatte laufen lassen. Am Schlüsse seiner Schrift drückt der Bischof die Hoffnung aus, sein Buch werde in jedem katholischen Hause zu finden sein.“ „Das ist ja dasselbe Buch, das dein Vater aufzukaufen sucht“, fiel Kahane ihm ins Wort. „Ja, er zahlt schweres Geld dafür, er will nicht, daß man seinen Stammbaum so gut kennt.“ — Jelenski lächelte in seinen schwarzen Schnurrbart. — „Das Buch ist nicht mehr zu bekommen. Ich habe aber Angst, daß mich der Alte nicht mehr über seine Schwelle lassen wird! Wißt ihr, was ich tun will? Ich lasse es neu drucken und werde noch den Stammbaum von Jeruchem bis Poitr Jelenski hinzugeben und es allen unseren Nachbarn zuschicken, ha, ha, ha! Was sagt ihr dazu?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, faßte er Komarowski bei der Hand und sprach weiter: „Eure ,Einigkeit4 ist Unsinn! Wenn ihr, du und deine Ahnen, nicht ein paar hundert getaufte Juden verdauen konntet, die euch noch jetzt wie ein Knochen im Halse stecken, wie könnt ihr davon träumen, die Juden Polens zu assimilieren? Von eurem Flachshaar wird doch keine Spur bleiben!“ Die Pferde trabten durch den Schnee, wirbelten kalten, stechenden Staub auf, schlugen mit den langen Schweifen an ihre glänzenden Flanken, warfen die Köpfe mit den erhitzten Nasenlöchern in die Höhe und wieherten. Jelenski hörte nicht auf zu sprechen und sein herzliches Lachen rollte auf der Straße dahin. Mordechai war entzückt über Jelenskis Worte; er betrachtete den stolzen Grafen und suchte eine Beziehung zwischen ihm und den „Mah-jufess“-Juden, von denen er sprach. Er sah Molcho vor sich, als er nach Regensburg geritten kam, um am kaiserlichen Hofe empfangen zu werden, überzeugt, den Kaiser für sich zu gewinnen. Mordechai war es immer ein Problem gewesen, warum Molcho seinen ersten Besuch dem Hofjuden Josselmann abgestattet hatte, mit dem er sich nicht einmal verständigen konnte. Reb Josselmann, ein bedrückter deutscher Jude, mit dem gelben Fleck auf der Schulter, vor jedem vorübergehenden Christen sich tief zur Erde neigten, und Molcho — ein stolzer Ritter, am Königshof erzogen! Als er jetzt Jelenski betrachtete, wurde es Mordechai klar, warum Salomo Molcho sich dem Hofjuden Josselmann von Roßheim gesellt hatte. (Fortsetzung folgt)

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