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Das jüdische Echo · 1929-11-15 · 32 (15.11.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
32 (15.11.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-11-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz! 31. Fortsetzung Kahane begann fromm zu werden, ließ sich den Bart wachsen, predigte in Paris im Beth- Hamidrasch, die Erlösung sei nahe, und glaubte, die Zeit sei gekommen, da alle unterdrückten Völker die schweren Grabsteine von ihren Gräbern wälzen und wieder auferstehen würden. Er durchstreifte die Straßen von Paris und spann die Fäden weiter, welche seine Brüder, die Propheten, auf dem Berge Moriah zu knüpfen begonnen hatten und die bis zum heutigen Tage noch nicht gerissen sind. Selbst als das heidnische Rom dem griechischen und jüdischen Kulturleben ein Ende gemacht hatte, wuchs aus den Trümmern ein neues Leben hervor, das sich durch einen Juden offenbarte. Und jetzt, da das christliche Rom in Agonie liegt und ein neues Leben an die Türen pocht, die Menschen zu Taten weckt, kündet, die Erlösung sei nahe und liege in des Menschen eigener Hand — auch jetzt wird dieses neue Leben durch einen Juden offenbart. Kahane vergötterte Heß, sah zu dessen Gefährtin Sybille empor wie zu Magdalena, stand am Quell der jüdischen Offenbarung, schöpfte daraus Gottes Wort, verbreitete es im Beth- Hamidrasch. wo man ihn für einen Verrückten hielt, verbreitete es unter polnischen Studenten, wo man ihm nicht zuhörte. Doch er wurde nicht müde, auf der steinigen Erde zu säen, bis ein Wunder geschah — zwischen den felsigen Spalten zwängten sich da und dort trotzige Bäumchen empor, trieben Zweige und Wurzeln im trockenen Gestein und ermahnten an Gottes Wort. Kahane sah, seine Arbeit würde nicht mehr verlorengehen und würde ohne ihn geschehen; befriedigt kehrte er nach Polen zurück, im festen Glauben, heute oder morgen würde das polnische Volk sich befreien, wiecferauferstehen, die Erlösung näherbringen. Als Kahane und'Mordechai zum Weinschank kamen, sahen sie schon von weitem Komarowski mit Jelenski im Schlitten sitzen. (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin Flink sprang Jelenski vom Schlitten und kam ihnen entgegen. „Macht Euch miteinander bekannt!“ Kahane reichte ihm die Hand und wies auf Mordechai. „Graf Jelenski...“ „Zum Teufel noch einmal“, Jelenski unterbrach ihn und seine Augen entschuldigten sich bei Mordechai, „was für ein Graf bin ich für ihn? Ich heiße Jerzy, Jerzy Jelenski! Ich heiße nach meinem Großvater — Jeruchem.“ Das letzte Wort akzentuierte er und sah Mordechai mit einem so krankhaften Stolz an, als hätte er nicht einen jüdischen Namen genannt, sondern einen vom ältesten polnischen Adel. Er wies Mordechai einen Platz an, sprang in den Schlitten und rief dem Kutscher zu: „Vorwärts!“ „Es ist ja eine Schande, ein Graf zu sein! Am Königshofe wurde mit dem Adelstitel Handel getrieben, genau so wie meine Ahnen mit Schnaps handelten! Und unter Stanislaus August konnte jeder Lump für fünf- oder sechshundert Dukaten Graf werden!“ Mordechai betrachtete Jelenski. Er sah ein jüdisches Gesicht. Aber seine länglichen, wie schwarzes Bier funkelnden Augen, blickten fest und durchdringend, und keine Spur von der Unsicherheit und Angst, die in jüdischen Augen liegt, war darin zu finden. „Was sagen Sie dazu,“ bemerkte Kahane, „wie die ganze Presse Jastrows Rede aufgenommen hat.“1 „Wie sagte er doch? Zwei Brüder eines Bodens?“ — Jelenski lachte laut. „Was für Brüder sind wir, etwa du mit Graf Koma- ♦rowski oder mit Mieroslowski? Ich nicht! Ich bin ein Jude! Davon rede ich nicht erst, daß es beim Aufstande von 1831 Morawski nicht paßte, daß die Schlachtschitzen zusammen mit den Juden kämpften; sogar der ,große4 Lelewel war damals-auch dagegen — und jetzt auf einmal Brüder? Was brauchst du mehr? Nimm meinen Alten! Ein frommer Katholik, betet unaufhörlich, verkehrt ausschließlich mit Pfaffen und droht, mich zu enterben, wenn ich nicht frömmer werde und nicht aufhöre, ihm mit dem Großvater Jeru-

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