Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 31 (8.11.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-11-08
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176114--09904-9082813- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
102 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 31 „Hört, Schamai, ich möchte, daß Ihr mir fünftausend Gulden borgt, aber mit der Bedingung, daß der Vater davon nichts erfährt.“ „Wozu brauchst du soviel Geld?“ „Ich brauche es.“ „Wann wirst du volljährig? In einem Jahre?“ „In zwei Jahren.“ „Gut, so komm zu mir in den Gasthof hinüber.“ „Wann?“ „Wann es dir am bequemsten ist. Ich werde hier sicher noch zwei Wochen bleiben.“ „So sehen wir uns, sagen wir... was ist heute für ein Tag? — Mittwoch?“ Mordechai merkte, daß ihm auf der anderen Seite der Straße jemand winkte; er erkannte Kahane und verabschiedete sich von Schamai. „So sehen wir uns nächste Woche.“ „Gut.“ Mordechai ging zu Kahane hinüber und drückte ihm die Hand: „Ich dachte, Sie wären in Warschau?“ „Heute früh bin ich zurückgekommen.“' Kahane hielt Mordechais Hand fest. „Hören Sie, fahren Sie mit mir zu den Franziskanern.“ „In die Kirche?“ „Man wird Sie dort nicht taufen!“ Kahane lächelte. „Fahren sie mit! Komarowski erwartet mich bei Rosens Weinschank mit einem Schlitten/ ‘ „So, wie ich gehe und stehe?“ Mordechai wies auf seinen Kaftan unter dem Pelz. „Was tut das? Kahane zuckte die Achseln und lächelte. „Aber, wenn Sie wollen, tauschen wir. Nehmen Sie meinen Rock und geben Sie mir Ihren Kaftan. Nun kommen Sie!“ Er ließ Mordechais Hand los und ging mit schnellem Schritt voraus, daß Mordechai ihm nur mit Mühe folgen konnte. VOR DEM STURM Rom und Jerusalem Er war untersetzt und starkknochig; die zu breiten, ein wenig gebogenen Schultern ließen den großen Kopf kleiner erscheinen. Die tiefen Winkel an den Schläfen mit den einzelnen zerzausten Locken, die aus schwarzer Seide zu sein schienen, flössen mit der breiten Stirn zusammen, und unter den dichten, schwarzen, hochgewölbten Brauen funkelten ein paar unruhige Augen, die sagten: Dieser Mensch führt alles aus, was er beginnt. Die polnischen Emigranten in Frankreich, Belgien und Deutschland kannten gar wohl „unseren“’ Kahane und in den Studentenkolonien vergötterte man ihn und nannte ihn „Der heilige Paul“. Philipp Kahane reiste von einer Kolonie in die andere. Er hielt Vorträge über die großen polnischen Literaturwerke, wie „Die Ahnen“, „Die ungöttliche Komödie“, lehrte die jungen Menschen Dichtungen lesen, organisierte sie politisch und half dem General Mieroslawski eine studentische Organisation gründen, die bereit war, beim ersten Rufe sich dem Aufstand anzuschließen. Kahanes Polnisch hatte jüdischen Akzent; er konnte sich nicht von dem hebräischen Idiom und den Bildern und Vergleichen der Propheten befreien, sein Satzbau war jüdisch, und als ihn einer seiner Kollegen, ein Pole, darauf aufmerksam machte und ihn fragte, warum er sich davon nicht befreien wolle, antwortete er, er wolle nicht den Inhalt der Form opfern, einfach deshalb, weil er als Jude geboren wäre. Kahane hatte keine Ahnung davon, wie man eine Pistole ladet, und doch hielt er vor Studenten Vorlesungen über Fortifikationslehre, Taktik und Strategie. Beim ersten Anblick hatte seine ganze Figur etwas Komisches. Der bewegliche Kahane mit den schwarzen Locken verschwand fast inmitten der blonden, hochgewachsenen Polen. Aber wenn er sprach, vergaßen seine blonden Zuhörer, daß zwischen ihnen ein kleiner Jude stand; sie sahen einen Propheten über sich, der feurige Blitze schleudert, Felsen und Berge mitreißt, peinliche Unruhe um sich verbeitet, die über Polens Felder und Wälder jagt und kündet, die Stunde sei nahe — und die Jugend verläßt die Schulen und die Bücher, der Bauer den Pflug auf dem Felde samt Weib und Kindern, und freiheitstrunken sammeln sie sich in den Wäldern. Kahane war jahrelang im Auslande herumgereist, Kommunist gewesen, und hatte den Plan gehabt, eine Kolonie, eine Art „Neues Ikaria“, in Amerika zu errichten, dazu Geld gesammelt und Auswanderer geworben. Zu dieser Zeit war er in Paris Moses Heß begegnet und sein Plan zerrann in nichts., Heß hatte solchen Eindruck auf Kahane gemacht, daß er seine früheren Kameraden scheel anzusehen begann; er begriff nicht, warum seine Kollegen, die erst gestern oder vorgestern ihrer jüdischen Umgebung entronnen waren, sich ihrer jüdischen Abstammung schämten, während Graf Jelenski, dessen Familie schon in der dritten Generation christlich, dessen Urgroßvater Reb Schaje ein Apostel Jakob Franks gewesen war, bei jeder Gelegenheit sein Judentum betonte und es allen vor Augen führte, als wäre es sein eigentlicher Adel. (Fortsetzung folgt)