Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 45 (8.11.1929)
- Date
- 1929-11-08
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 45 8. November 16. Jahrgang Die Verhandlungen der Untersuchungskommission Wir haben in der vorigen Nummer den Anfang des Berichtes über die Vernehmung des Polizei-Kommandanten Saunders vor der englischen Untersuchungskommission gebracht. Die Sitzungen der Shaw- Kommission sind geschlossen, doch sind vier Pressevertreter (ein englischer, ein jüdischer, ein arabischer, ein weder die englische noch palästinensische Presse vertretender Journalist) zugelassen. Die erste Arbeitssitzung war ausgefüllt mit der Einvernahme von Major Saunders, dem Stellvertreter des Polizeikommandanten von Palästina, der zunächst in zusammenhängender Darstellung, gestützt auf die polizeilichen Berichte aus dem ganzen Lande, ein Bild der Ereignisse aufrollt. Die Darlegungen Major Saunders lassen deutlich erkennen, daß die Regierung Palästinas und die Polizeibehörden im ganzen Lande sich von den Geschehnissen haben vollkommen überraschen lassen. Die Ereignisse trafen die Regierung und alle ihr unterstehenden Behörden vollkommen unvorbereitet, so daß eine Intervention der Polizei erst möglich wurde, als die Unruhen bereits in vollem Gange waren. In Beantwortung einer Frage des Anwalts der arabischen Exekutive, Herrn W. H. Stoker, erklärte Major Saunders, daß die Araber die Angreifer waren und Schüsse abgaben. Auf eine Frage des Regierungsanwalts Kenelm Preedy erwiderte Saunders, daß die Regierung ihm verboten habe, die Juden zu bewaffnen, soweit das Militär ihnen ein gewisses Maß von Schutz gewähren könne, da die Regierung den Arabern das Versprechen gab, Juden gegen Araber nicht zu bewaffnen. Preedy fragte: Gibt es eine Abschrift der Order, Juden zu entwaffnen? Saunders erwiderte: Eine solche schriftliche Order existiert nicht; sie wurde mündlich im Verlauf einer Beratung erteilt. Major Saunders berichtete weiter, daß die Zionistische Exekutive noch in der Nacht vorher ersucht habe, besonders für den Verteidigungsdienst ausgewählte Juden zu bewaffnen. Die Plünderer von Talpioth verfügten über deutsche und englische Gewehre. Es wurden in Jerusalem 25 Juden britischer Staatsangehörigkeit entwaffnet. In Tel-Awiw wurden 200 Juden, die sich am Freitag als Sonderpolizisten haben eintragen lassen, und die mit Knüppeln bewaffnet waren, am Montag — nachdem am Sonntag vorher ein Aufruhr in Jaffa slattfand — entlassen und entwaffnet. In der Sitzung vom 29. wurde die Vernehmung des Majors Saunders fortgesetzt. Major Saunders gab zu, daß britische Juden und ehemalige jüdische Legionäre gemäß dem den arabischen Führern gegebenen Versprechen entwaffnet wurden, obwohl man ihrer dringend bedurfte, um die Unruhen im Keime ersticken zu können. Auf weitere Fragen gab Major Saunders auch zu, daß der arabische Angriff, wenn er auch nicht genügend vorbereitet, so doch vorher organisiert war; der Mufti zeigte großen Eifer in der Entfach ung religiöser Streitigkeiten, um auf diese Weise den gesamten Islam für sich zu gewinnen. Major Saunders bestätigte, daß die Polizei in Hebron den jüdischen Einwohnern die Versicherung gab, daß ihnen keine Gefahr drohe und daß sie ruhig in ihren Häusren sich aufhalten dürfen. Als bald darauf die Unruhen ausbrachen, mußte die Polizei die Juden ihrem Schicksal überlassen. Erst zwei Stunden nach Ausbruch der Unruhen wurde den Juden die erste polizeiliche Hilfe zuteil. Im Verlauf des Kreuzverhörs versuchte der Anwalt der arabischen Exekutive, W. H. Stoker, darzulegen, daß die Juden die Verantwortung dafür tragen, daß die Erregung zim Lande so hoch gestiegen war. Er stellte ine Anzahl Fragen an Major Saunders, der in Beantwortung einer dieser Fragen feststellte, daß es ihm auffiel, daß an dem verhängnisvollen Freitag die arabischen Frauen der Altstadt nicht in ihren Heimen sich aufhielten, was als Beweis dafür angesehen werden kann, daß die Unruhen von den Männern vorbereitet gewesen w aren und daß die Frauen vor Ausbruch der Unruhen aus dem gefährdeten Teile der Stadt weggebracht wurden. Die darauffolgenden Teile des Kreuzverhörs mit Major Saunders bezogen sich auf die Ereignisse außerhalb Jerusalems. Sir Boyd Merriman, der Anwalt der Zionistischen Exekutive, schilderte an Hand einer im Gerichtszimmer angebrachten großen Landkarte die Entwicklung der Ereignisse im einzelnen und wies darauf hin, daß nirgends in Judäa oder Galiläa von der Ortsbevölkerung Unruhen angestiftet worden. Er erklärte, daß der letzte Aufruhr insbesondere durch Verbreitung von Appellen und Briefen durch Boten und durch aufstachelnde Reden in den Moscheen vorbereitet wurde. Es wurde in den Moscheen erzählt, daß die Juden Bomben in die Omar-Moschee geworfen hatten und daß dadurch viele Moslemiten getötet worden seien. Sir Walter Shaw fragte: Wurden wirklich Gerüchte verbreitet, daß Araber von Juden getötet wurden? Major Saunders erwiderte, es war allgemein das Gerücht verbreitet gewesen, daß die Juden eine Bombe in die Omar-Moschee geschleudert hatten, die mehrere Moslemiten tötete. Sir Boyd Merriman: Wurden in den Moscheen aufhetzende Reden gehalten? Major Saunders: Ja, wir hatten darüber aus einigen Distrikten Berichte. Sir Boyd Merriman ging zur Erörterung der politischen Seite über und fragte Major Saunders, ob er wisse, daß der Aufruhr wohl überlegt und vorbereitet war. Major Saunders wich einer klaren Antw ort aus und sagte: Die meisten von uns, die in der Behörde sitzen, wußten, daß, worin die Atmosphäre nicht eine andere werde, es früher oder später zu einem Zusammenstoß kommen müsse. Sir Boyd Merriman drängt auf eine klare Antwort. Man müsse doch sagen können, ob der Aufruhr ein spontaner oder ein vorbereiteter wrar. Major Saunders sagte: Das weiß ich nicht, aller das eine stand fest, wenn einmal in Palästina ein Funke zündet, so greift das Feuer um sich. - --