Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 30 (1.11.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-11-01
- Page
- Seite 100 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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100 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 30 „Seit gestern. Ich habe dich beim Rabbi im Beth-Hamidrasch gesucht. Wo steckst du eigentlich?“ „Wäret Ihr schon am Hofe?“ „Natürlich, ich habe schon Reb Itsche gesehen ...“ „In der Nacht war, glaube ich, ein Feuer?“ fragte Mordechai so nebenher. „Und ob ... Das war ein Feuer! Die ganze Nacht hat es gebrannt.“ Mordechai fragte weiter: „Der Hof ist also ganz niedergebrannt?“ „Kein Brett ist übriggeblieben, der Schaden beträgt schwere Tausender.“ „Und die Thorarollen?“ „Wie meinst du?“ „Sind wenigsten die Thorarollen gerettet?“ „Es hat doch auf dem Gutshof hinter dem Friedhof gebrannt.“ „So?“ Mordechai riß die Augen auf, als hätte er plötzlich einen starken Schlag über den Kopf erhalten. „So ...“ „Was hast du denn geglaubt?“ Schamai lächelte. „Gar nichts.“ Verlegen runzelte Mordechai die Stirn. „Wann seid Ihr... gestern, sagt Ihr, seid Ihr gekommen? Was gibt es im Walde Neues?“ „Der Vater ist so wie immer, du weißt ja! Und die Mutter weint in einem fort, daß ihr armer Motele in der Fremde sein muß. Ich habe einen Brief für dich.“ Er suchte in allen Taschen. „Hier, und wenn du Geld brauchst, so sag mir’s nur, ich gebe dir welches.“ „Ihr vertraut mir?“ Mordechai riß den Brief auf, um ihn zu lesen, besann sich aber eines anderen und legte ihn in die Brusttasche. „Deines Vater Wort ist soviel wie der beste Wechsel!“ Die kleinen Augen Schafts funkelten. „Hast du Zeit, Mordechai?“ „Was gibt es?“ „Ich möchte mit dir ein wenig sprechen; ich muß noch aufs Gericht, und wenn du Zeit hast, so begleite mich.“ Mordechai ging mit; seine Neugier, was Schamai ihm wohl zu erzählen hätte, wuchs, bewirkte eine Unzahl von Vermutungen, gleichzeitig ängstigte er sich um den Vater, der nicht hören konnte, wie die Mutter weinte, und jetzt sicher allein im Walde herumlief, in seinem Ärger mit den Bauern schimpfte, fühlte, daß er untergehe, daß sein Gutsherr Tabetzki schon untergegangen war. Und Schaft, der stets zu fragen pflegte, seit wann es denn feststehe, daß man mit einem weißen Kragen und schwarzen Schuhen gehen müsse, vielleicht wäre es gerade umgekehrt, mit schwarzem Kragen und weißen Schuhen — der Schamai, welcher fortwährend im Gericht sitzt, jeden Tag einem anderen Gutsherrn seinen Besitz wegnimmt, wird noch Herr über- „Schamai,“ Mordechai blieb stehen, „wird es Euch nicht schon zuwider, das ganze Leben lang zu prozessieren? Wißt Ihr, daß Ihr eine ganze Welt zu Feinden habt? Ihr seid doch ein reicher Mann und es wäre schon Zeit, daß Ihr von Eurem Reichtum einen Genuß habt, nicht.. „Ha, ha, ha!“ Schaft lachte spitz. „Da spricht aus dir deines Vaters Sohn! Ich weiß, daß Geld nicht alles ist! Aber so üppig leben wie dein Vater, das muß man können! Ich kann mir ja gewiß ein Mittagessen für fünf Gulden gönnen, sogar eines für zehn Gulden, aber offen gestanden, es ist für mich eine Qual! Das lange Sitzen, die Bedienung, drei Fleischgänge — ich kann das nicht vertragen! So gehe ich lieber in eine gute jüdische Garküche, dort kostet es mich im ganzen einen Gulden und ich habe ein Vergnügen daran! Siehst du, mit deinem Vater will ich mich ja nicht auf eine Stufe stellen! Er wirtschaftet aber über seine Kräfte! Glaubst du wirklich, dein Vater sei so reich? Keine Spur! In Plozk kannst du Dutzene von Juden finden, die reicher sind als er. Und daß ich so viele Feinde habe — was kann ich tun? Die Menschen werden ihresgleichen nie gönnen, daß er reich wird! Ja,“ er strich über seinen grauen, schütteren Bart, „man hält mich für einen argen Geizhals, aber glaube mir, Mordechai, könnte ich für meine Zirl einen ordentlichen Mann kriegen, ich ließe ihm sofort das ganze Geschäft und würde mich ganz zurückziehen... Verstehst du, mit dem Vater kann ich ja nicht sprechen! Er weiß, daß Schamai noch bei deinem Großvater in der Gesindestube saß, ihm für einen Gulden in die Stadt gefahren ist, um dort Geflügel Schächten zu lassen, vor ihm gestanden ist wie ein Pächter vor dem Grafen; und dein Vater ist ein feiner Mann, wahrhaftig, ein Reicher, wie er sein soll, ein großer Wohltäter! Aber eine Kleinigkeit vergißt er, dein Vater —- daß Schamai der reichste Mann in der Gegend ist, daß er jeden Augenblick dem jungen Tabetzki den Wald nehmen kann und dann ist dein Vater, in höchsteigener Person, mein Angestellter!“ Mordechai fühlte sich im Namen des Vaters gekränkt, er wollte ihn unterbrechen. (Fortsetzung folgt)