Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 30 (1.11.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 29. Fortsetzung Mordechai sah Strahl und den Vater, die Schwäher, vor sich. Der Vater hatte beim Aufstand von 1831 Proviant geliefert. Sein Pferd war bei Woja unter ihm getötet worden, als der Feind Warschau eroberte. Und Strahl? Er schreit: Unsinn, die Juden dürfen sich nicht einmengen, aber für sein Geld sind schon mehrere hundert Gewehre aus dem Ausland herübergeschmuggelt worden. Ein Dienstmädchen, mit einem Flederwisch in der Hand, trat singend aus der Tür. Als sie den Herrn sah, verstummte sie und wollte zurückgehen. Strahl hielt sie an. „Schläft die Madame noch?“ „Die Madame ist spazieren gegangen.“ „Allein?“ „Die Madame ist mit dem Grafen gegangen.“ Die gute Laune auf Strahls Gesicht war verschwunden. Er rieb sich mit zwei Fingern die Augen, gähnte, und über sein Gesicht breitete sich eine stumpfe Müdigkeit, wie bei einem Kurzsichtigen, wenn er die Brille ablegt. Er hüstelte: „Ein netter Mensch, der Komarowski!“ „Wieso, weil er jüdische Fische liebt?“ Mordechai ertappte sich dabei, daß er zu weit gegangen war, und wurde rot. „Was liebt er? Jüdische Fische?“ Strahl tat, als hätte er nicht verstanden. „Woher weißt du, daß er jüdische Fische liebt?“ Sein Blick ging Mordechai durch und durch, als wollte er etwas herausfinden, dann lachte Strahl dünn und hilflos. Sein Gelächter hatte etwas Vogelartiges. Felicia kam indes herbei, vom Frost gerötet, faßte kokett eine Hand ihres Mannes und legte sie an ihre Wange: „Kalt?“ „Wo hast du den Grafen gelassen?“ Er legte ihre Hand in seine, streichelte sie, und die Runz'eln auf seinem alten Gesicht lächelten, um Mordechai zu sagen, er sei im Irrtum. „Er ist auf der Veranda und sieht die Post durch.“ „Hat er schon gefrühstückt?“ (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin „Nein.“ „So werde ich ihn einladen.“ „Gut. Wohin gehst du? Er sitzt doch auf der Veranda, die nach der Straße liegt.“ Mordechai sog den leichten, an Myrten erinnernden Duft ein, den Felicia hinterlassen hatte; er fühlte sich nicht mehr einsam und trat aus dem Vorraum. Mordechai ging auf einem ausgetretenen kleinen Pfade dahin. Er gab nicht mehr Felicia die Schuld, sondern dachte daran, es gäbe nichts Häßlicheres, als wenn ein alter Mann eine junge Frau nimmt. Versorgte Juden eilten aus der Synagoge, die Tefillinbeutel unter dem Arm, die Gesichter in die Wintermäntel vergraben. Eine Jüdin, die in ihrer Schürze Holz aufgeschichtet hatte, ging durch den tiefen Schnee, hielt dabei das Holz mit den von Kälte gekrümmten Fingern und seufzte. Aus einem Eßwarenladen trat ein Jude, den Tallisbeutel unterm Arm. Er hielt ein Brot in der Hand, klopfte mit den Fingerspitzen auf die Rinde, ob sie gut ausgebacken sei, und im zufriedenen Vorgefühl, daß er das frische Brot in die heiße Grütze einbrocken werde, eilte er lächelnd heimwärts. Der Alltag ringsum lähmte Mordechais Hände und Füße. Er blieb einen Augenblick stehen, als wäre er halb aus einem Traum erwacht; unter dem Eindruck der Ereignisse ringsum blitzte es in ihm auf: „Was für einen Zweck hat das? Was für einen Zweck?“ Er ging durch die Seitengassen, um den Leuten auszuweichen und wollte von weitem einen Blick auf den „Hof“ werfen. „Scholem alejchem, Mordechai.“ Vor ihm stand Schamai Schaft in einem Schafspelz. Mordechai betrachtete den Pelz mit dem breiten Kragen und war überzeugt, Schaft habe ihn nicht gekauft, sondern bei einem Grafen an Zahlungstatt für Wucherzinsen genommen; er dachte daran, daß der Vater Schamai einmal geohrfeigt hatte. „Seid Ihr schon lange in Kozk?“