Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 44 (1.11.1929)
- Date
- 1929-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 44 1. November 16. Jahrgang Der Jude und der Staat Über Privilegien und Rechte des zivilisierten Lebens Von Ludwig L e w i s o h n Nachstehender Aufsatz des geistvollen amerikanischen Schriftstellers, der jetzt in Europa lebt, erschien zuerst in einer englisch-jüdischen Zeitschrift. (Red.) Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts staunten mehr oder weniger wohlwollende Leute in Deutschland, Rußland und anderen Ländern, daß den Juden die Eignung zur bürgerlichen Existenz zuerkannt werden konnte. Es war wenigstens zeitweise das Bewußtsein vom christlichen Staat halb verloren gegangen, nämlich die Theorie, daß der Untertan oder der Bürger eines Staates dies nur vermöge seiner Zugehörigkeit zur geistigen Gemeinschaft der Christenheit sein könne. Das Aufgeben dieser Theorie war zu einem guten Teil bewußt oder unbewußt unaufrichtig, und die allgemein nicht ohne Affekt vorgebrachte Behauptung: „Wir leben in einem christlichen Staat“ ist auch noch im Amerika des zwanzigsten Jahrhunderts keineswegs unbekannt; offiziell gab man das religiöse Kriterium allmählich auf und begann statt dessen das des Nationalismus zu setzen. Man hielt einen Menschen für fähig, Bürger oder Untertan zu sein, wenn er der Majorität in Sprechweise, Gehaben, Denkweise, in seinen Hoffnungen und Zielen glich. Nun war es allen offensichtlich, daß die Juden der Majorität keineswegs glichen. Die Lehre von den Menschenrechten und der Menschengleichheit war eben erst Allgemeingut geworden, und so war es den mehr oder weniger kultivierten Menschen klar, daß irgend etwas für die Juden geschehen müsse, um sie fähig zu machen, die Rechte zu genießen, die auch ihnen von Natur aus zustanden. Sie mußten dazu „erzogen“ werden. Und damit meinten die „Erzieher“, daß die Juden ihre Vergangenheit, ihre Sitten und äußeren Eigentümlichkeiten aufgeben sollten, um gute stereotypisierte Wähler, Soldaten und Fahnenschwenker des nationalistischen Staates zu werden. Für diese unsinnige Forderung wurden rasch ein paar Vernunftgründe erfunden. Die Eigenarten, durch die sich die Juden von den anderen unterschieden, und besonders die als unangenehm empfundenen, wurden als die Folge der Jahrhunderte währenden Verfolgungen und Unterdrückung erklärt. Es war besonders unter den wohlmeinenden Deutschen eine beliebte Behauptung, daß die Juden, wenn man sie wie gute Deutsche behandeln würde, sehr bald wie diese werden würden. Diese Theorie machten sich die Juden der Aufklärung mit Feuereifer zu eigen, war sie doch ebenso nützlich wie schmeichelhaft und öffnete sie doch das Tor zum Westen. Sie fühlten sich von nun an nicht mehr für einige unangenehme jüdische Eigenschaften verantwortlich; die Proklamation, daß sie großmütig bereit seien, zu vergessen und zu vergeben, schuf die Basis zur Verständigung. Sie stürzten sich kopfüber in den Patriotismus und setzten ihre „Erziehung“ zu guten Bürgern fort, noch lange, nachdem die Befürworter des Erziehungsprogramms den Plan als ein Eehlunternehmen aufgegeben hatten^ Man soll aber nicht glauben, daß die Juden das einzige Volk wären, das der nationalistische Staat früher oder später zu jener Uniformität zu „erziehen“ versucht hat, von der er annahm, daß sie die Voraussetzung für die bürgerliche Existenz sei. Die Deutschen „erzogen“ die Polen; die Italiener „erziehen“ die südtiroler Deutschen; die Polen „erziehen“ die Ruthenen; jedermann kennt den Amerikaner, der darauf besteht, daß die Kikes, Wops, Hunkies, Dagoes, Gweaser entweder untergehen oder nach seinem Ebenbild „erzogen“ werden sollen. Aber die Juden sind aus verschiedenen Gründen das einzige Volk, das die Forderung nach der Erziehung anerkannt und an ihrer Verwirklichung mitgearbeitet hat und bis auf unsere Tage daran festhält. Sie befürchten, daß, wenn sie die Theorie der „Erziehung“ fallen lassen würden, sie Gefahr laufen, die Rechte und Privilegien zu verlieren, die früher einmal vor langer Zeit als Gegengabe für die Erziehbarkeit gegolten haben. Die Angst davor feuerte z. B. Mr. Laurie Magnus zu seiner Diskussion in der „Apella“ über die Zukunft des Judentums an, die Angst, die ich wachgerufen zu haben scheine, indem ich die Forderung nach einem Minimum an Rechten für unsere eigene Kultur aussprach. Es ist Zeit, die Lehre vom nationalistischen Herrenstaat und seinen Forderungen kritisch zu untersuchen, in deren Schatten ein Großteil der amerikanischen Juden noch heute lebt. Der Staat wird häufig mit einem lebenden Organismus verglichen. Man sagt, daß die Aufwärtsbewegung der organischen Entwicklung von der Gleichförmigkeit zur Vielförmigkeit, von der toten Monotonie des primitiven einzelligen Organismus zur unendlichen Kompliziertheit des Menschen fortschreitet. Das ist seit Herbert Spencer bekannt. Man ist sich vollständig klar darüber, daß, gleichgültig ob wir die Analogie des Staates mit dem Organismus anerkennen oder nicht, die Zivilisation ebenso wie das organische Lehen dahin strebten, ihre einfachen unkomplizierten Ausdrucksformen gegen komplizierte und reich differenzierte einzutauschen. Und dem denkenden Betrachter der Theorie des nationalistischen Staates erscheint sie, die die Varitäten der Menschen, ihres Charakters, ihrer Meinungen und ihres Wollens, ihrer Denk- und Sprechweise unterdrückt und gefährdet, als rückschrittlich und die Entfaltung der fortschrittlichen Kräfte der Gesellschaft hemmend. Diese Vermutung wird zur Gewißheit, sobald wir die Motive prüfen, die die Majorität dazu treiben, „Erziehung“, Assimilation und gleiche Gesinnung zu fordern. Das wichtigste dieser Motive ist eine primitive animalische Angst. Es gibt keinen vernünftigen Gjrund, Uniformität des Geschmacks, des Instinks und der Handlungsweise vom Bürger eines Staates zu fordern, das Primat der Uniformiertheit zu proklamieren. Der Herdenmensch fürchtet und begrüßt zugleich den Gedanken an den Krieg mit einer uralten Ambivalenz. In seiner primitiven Seele ist eine Frage die wichtigste: Wird das, was ich fürchte und