Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 43 (25.10.1929)
- Date
- 1929-10-25
- Page
- Seite 644 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nr. 43 64 1 Jom-Kippur-Gottesdienst mittels Schallplatten im Tempel der Jüdischen Reformgemeinde Berlin, 16. Oktober. (JTA.) Im Tempel der Jüdischen Reformgemeinde in der Johannisstraße zu Berlin fand während des Jugendgottesdienstes am Morgen des Versöhnungstags der erste Versuch statt, liturgische Musik, das heißt die Reproduktionstätigkeit von Chor, Solisten und Orgel, durch Schallplatten zu ersetzen. (Die Herren der Reformgemeinde glauben offenbar auf diese etwas wunderliche Weise jüdischen Nöten abhelfen zu können. D. Red.) Stahlhelmer ziehen gegen die Berliner neue Synagoge Berlin, 21. Oktober. (JTA.) Trotz des polizeilichen Demonstrationsverbotes versuchten am gestrigen Sonntag etwa 300 Stahlhelmer, die kurz vorher an einer Versammlung im Lustgarten teilgenommen hatten, am Monbijou-Platz einen geschlossenen Zug zu informieren und in Richtung auf die Synagoge Oranienburger Straße abzumarschieren. Der Aufforderung des in Bereitschaft befindlichen Polizeiaufgebotes leisteten sie keine Folge. Unter lauten Schmährufen setzten sich die Teilnehmer des Zuges in Bewegung. Die Polizei sah sich gezwungen, vom Gummiknüppel Gebrauch zu machen. Innerhalb weniger Minuten hatte sie die Demonstranten auseinandergetrieben. 22 Beteiligte wurden sistiert und in das Polizeipräsidium gebracht. Die zweite Verurteilung Philipp Halsmanns Wien. 20. Oktober. (JTA.) Die zweite Verurteilung Philipp Halsmanns durch ein Innsbrucker Geschworenen-Gericht (die Geschworenen haben die Frage auf Mord mit sieben gegen fünf Stimmen verneint, die Frage auf Totschlag mit acht gegen vier Stimmen bejaht, woraufhin das Gericht Halsmann zu vier Jahren schweren Kerkers verurteilte) hat in Wien und ganz Österreich, wo alle aufgeklärten Kreise ausnahmslos von der völligen Unschuld Halsmanns überzeugt sind, sehr deprimierend gewirkt. Die Zeitungen schildern ausführlich die Szene der Urteilsverkündung, die, wie der ganze Prozeß in einer Atmosphäre antisemitischer Verhetzung gegen die jüdische Familie Halsmann vor sich ging. Die Mutter und die Schwester Halsmanns schrien bei Verkündigung des Urteils auf und wurden weinend aus dem Saale geführt. Als Philipp Halsmann in den Saal geführt wurde, damit ihm das Urteil mitgeteilt werde, rief er, der bereits unterrichtet war, schon in der Tür: „Ich erkläre, daß hier ein Justizverbrechen geschieht. Es ist eine Schmach. In diesem Lande finde ich kein Recht!“ Die Verteidigung hat gegen das Urteil die Nichtigkeitsbeschwerde eingereicht, die sich darauf stützt, daß der Vorsitzende es unterlassen hat, die Geschworenen dahin zu belehren, daß sie im Falle eines Zweifels an der Schuld Halsmanns den Angeklagten freisprechen müßten. Henri Bergsons 70. Geburtstag Paris, 15. Oktober. (JTA.) Am 18. Oktober vollendet der berühmte französische Philosoph Henri Bergson sein 70. Lebensjahr. Bergson wurde am 18. Oktober 1859 in Paris geboren und ist seit I. MÜNCHENER PLISSE -BREN NEREI FRANZ GRUBER, MÜNCHEN Holsaum, Knöpfe, Endeln Kanten.KostUmstickareien Burgstraße 16/3 Knopflöcher Telephon 22 9 75 JOS. WANINGER, MÜNCHEN Fernsprecher 21432 * Residenzstraße 21/I S)er elegante H/chufi nacfi laß 1900 Professor am College de France, seit 1901 ist er Mitglied der Academie. — Henri Bergsons Vater, von Beruf Musiker, war aus Polen nach Frankreich eingewandert, seine Mutter' war Engländerin. Mit 18 Jahren errang er den Mathematikpreis. Er erklomm sehr schnell die ganze Stufenleiter der akademischen Würden. Am öffentlichen Leben nimmt er wenig Anteil, ebensowenig am jüdischen Leben. Seine Eltern waren beide Juden. Fortdauer der Ausschreitungen an den Budapester Hochschulen Budapest, 20. Oktober. (JTA.) Ungeachtet aller Verwarnungen seitens der Universitätsbehörden dauerten am Freitag vormittag an der Technischen Hochschule die Ausschreitungen gegen jüdische Hörer fort. Es wurden wieder jüdische Studenten tätlich insultiert und auf die Straße gejagt. Am Nachmittag kam es an der juridischen Fakultät zu Ausschreitungen gegen jüdische Hörer. Am Sonnabend vormittag erschien an der Technischen Hochschule Rektor Dr. Szilly in den Hörsälen und ersuchte die Hörer, sich jeder Ruhestörung zu enthalten, da er sonst die energischsten Maßnahmen anwenden müßte. Neue antisemitische Terrorakte in Rußland Moskau, 17. Oktober. (JTA.) 25 Arbeiter des Schiffbauhafens in Murom überfielen am hellichten Tage unter den Rufen „Schlagt die Juden und rettet Rußland!“ vier jüdische Ingenieure und verprügelten sie so schwer, daß sie aus mehreren Wunden bluteten. Vorbeigehende Arbeiter halfen den Huligans, unter denen sich einige Kommunisten befanden. Die Zeitungen melden, daß in der Fabrik „Jutilisazia“ in Minsk nichtjüdische Arbeiterinnen ihre jüdische Arbeitsgenossin Dischler in den Abort geschleppt und ihr dort Exkremente in den Mund gestopft haben. Männliche Arbeiter der Fabrik, unter ihnen Kommunisten, sahen lachend der Tortur zu. Sowjet-Studenten fordern Numerus clausus Moskau, 17. Oktober. (JTA.) Eine in Kiew abgehaltene Versammlung kommunistischer Studenten stellte die Forderung auf, daß für jüdische Hörer an den Sowjet-Hochschulen ein Numerus clausus eingeführt werde. Diese Forderung stützt sich auf einen in einer Sitzung der kommunistischen „Zelle“ der Kiewer Universität diesbezüglich gefaßten Beschluß. Macdonald empfängt einen arabischen Wortführer Neuyork, 17. Oktober. (JTA.) Der britische Ministerpräsident Ramsay Macdonald empfing in Neuyork Ameen Rehani, den Autor des Buches „Der Schöpfer des modernen Arabien“, der vor kurzem die vom Staatssekretär Stimson empfangene arabische Abordnung geführt hat. Rehani erklärte es als ein arabisches Ziel, daß Palästina einem freien Bunde der arabischen Länder angeschlossen werde. Wie Rehani mitteilt, habe ihm Macdonald versichert, Großbritannien werde nicht zulassen, daß der arabischen Bevölkerung irgendein Unrecht geschieht; man möge mit Zuversicht den Ergebnissen der Arbeit der Untersuchungskommission entgegenblicken.