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Das jüdische Echo · 1929-10-25 · 29 (25.10.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 98

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
29 (25.10.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-10-25
Page
Seite 98 (sequence 2)
Language
German
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98 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 Nr. 29 leicht... und der „Maggid“? Und Joseph Caro und Salomo Molcho?... Der Widerhall lachender Stimmen erklang immer wieder. Er trat ans Fenster, sein Herz klopfte; er hauchte auf die vereisten Scheiben und schaute hinaus. Im Garten ging Felicia mit Komarowski spazieren. Mordechai atmete schwer. Er setzte sich wieder zum Tisch... Ach was, was geht mich Felicia an, sie ist mir doch wildfremd! Das Fachen im Garten hörte nicht auf. Mordechai sprang auf, um den Faden zu schließen, und zog die Gardine vor. Er schrht durchs Zimmer, rannte wie ein Tier im Käfig auf und ab, und als das Fachen aufhörte, blieb er mitten im Zimmer stehen und horchte. Er schob die Gardinen auseinander, öffnete einen Flügel und sah das Paar zwischen den schneebedeckten Bäumen verschwinden und wieder auftauchen. Seine Erlebnisse jagten an ihm vorüber. Felicia, Felicia... Dein Geliebter hat das Allerheiligste betreten, den Vorhang zerrissen und wir vergehen in Blut... Felicia, Felicia ... Selbst wenn du tausendmal schöner wärest als Kleopatra, was wäre dann? Mehr als eine Berenice, eine Esterka, ein Kebsweib, wirst du nie sein! Felicia, Felicia ... Wozu hast du deinen Geliebten in das Heiligtum gelassen? Wozu? Durch deine Schuld vergehen wir in Blut, durch deine Schuld, Felicia... Weine, weine ... Arme Felicia, meine unglückliche Schwester ... Mein Blut kocht in mir, das Blut der Propheten siedet in mir, denn ich sehe, was aus dir geworden ist, was sie aus dir gemacht haben ... Schwester... Wir werden nicht schweigen, wir werden Rache nehmen für unser Blut, für deine Schönheit, für deine Keuschheit... Wir sind die Schwächsten? Ja, Schwester, schon einmal haben die Schwächsten in die Welt ein Irrsal geschleudert, aus dem sie bis zum heutigen Tage sich nicht befreien kann. Sei getrost, Schwester, sei getrost... Durch die jüdischen Friedhöfe wandelt mehr als eine Felicia, mehr als eine geschändete Surele kündet, der Messias sei gekommen, und harrt seiner als ihres Bräutigams. Und wenn wir die Pein nicht mehr werden tragen können, dann wird eine Surele oder eine Mirjam aufs neue die Welt in ein Irrsal verwickeln, aus dem sie nie mehr sich befreien kann! Felicia, Felicia! ... Mordechai verließ das Zimmer. Strahl kam ihm entgegen, einen Pack Zeitungen in der Hand. „In Warschau steht es gar nicht gut.“ „Was gibt es?“ „Seit Kronenberg den ,Kurjer Poranny‘ gekauft hat, kann man das Blatt nicht in die Hand nehmen. Auf jeder Seite dasselbe Fied — Juden und wieder Juden. Die Polen glauben wahrscheinlich, die finsteren ,Kaftanträger4 hätten plötzlich entdeckt, wie arm im Geiste sie seien, und sich durstig auf die polnische Kultur geworfen! Die Dummköpfe, neunundneunzig Prozent der Juden Polens wissen gar nicht, daß so etwas wie polnische Kultur existiert!“ „Was sagt Ihr zu Jastrows Predigt in der Karmeliterkirche?“ fragte Mordechai, nur um etwas zu sagen, und nahm sich in Gedanken vor, Strahl über den Brand bei Nacht zu befragen. „Na, er hat Amerika entdeckt!“ Strahl zuckte mit den Achseln. „Dieselbe Fehre hat Kahane schon voriges Jahr gepredigt! Kahane kann ich begreifen, aber wenn ein Rabbiner, dazu noch der von Warschau, wie Rabbiner Meiseis, dasselbe predigen geht, so sehe ich Gefahr darin. Es ist doch ganz klar,44 Strahl schaute auf die Zeitungen, als lese er etwas von dort heraus, „ist Polen das Vaterland des Warschauer Rabbiners, so ist Rußland das des Moskauers, und wenn es, Gott bewahre, zu einem Zusammenstoß kommen sollte, so müssen beide Rabbiner Todfeinde werden und mit Messern aufeinander losgehen. Hätten die Juden immer eine solche Politik geführt, von uns wäre längst keine Spur mehr übriggeblieben! Was willst du mehr, der Marquis Wielopolski selbst ist dagegen! Und wie der Zar in Wilna war, wer hat ihm am lautesten Hymnen gesungen? Odyniec, einer der größten polnischen Dichter! Er hat dem Kaiser zu Ehren eine polnische Hymne geschrieben, in der er alle an Patriotismus übertrifft, sogar den Russen Kukolnik. Jetzt frage ich dich, was hat es für einen Sinn, daß unsere Aufklärer die Polen übertreffen wollen? Nein, Mordechai, wir Juden dürfen uns nicht einmengen!“ Strahl machte eine selbstzufriedene Bewegung mit dem Zeitungspaket und schwieg. (Fortsetzung folgt)

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