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Das jüdische Echo · 1929-10-18 · 28 (18.10.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 96

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
28 (18.10.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-10-18
Page
Seite 96 (sequence 2)
Language
German
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96 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 28 Kleider zerfielen auf seinem Leibe, von seinen Schuhen war keine Spur mehr übriggeblieben, aber je stärker er die Verzweiflung aus dem Herzen verdrängen wollte, desto tiefer saß sie darin. Hungernd und dürstend schleppte er sich durch eine wüste Gegend und suchte zwischen den Steinen ein Wässerchen, um sich zu laben. Hinter einem großen Felsen kam eine Wasserschnur hervor und wand sich mit leisem Rauschen zwischen den Steinen und dem Gesträuch dahin. Mordechai ging dem Rauschen nach, da sah er einen Reiter auf einem edlen Roß und beschleunigte seine Schritte. Wer ist das? Ein bekanntes Gesicht... ach, das ist ja Kahane!... „Gut, sehr gut, Mordechai, setz’ dich auf mein Pferd, zieh’ meine Kleider an und reite in die Stadt!“ Zwischen den Felsen hallte ein Echo, das aus einer Höhle zu dringen schien: „Und wo sitzt er?“ „Am Tore Roms!“ „Und was ist sein Zeichen?“ „Er sitzt zwischen kranken Bettlern- Und alle binden zugleich ihre Wunden auf und zu — — Er bindet jede seiner Wunden besonders auf und zu-Er sagt sich: Vielleicht ergeht der Ruf, da will ich nicht säumen.“ Das Echo tönte dreimal, in drei verschiedenen Lagen. Es benahm Mordechai die Müdigkeit und vertrieb seine Verzweiflung. Er schwang sich auf das Pferd, trieb es an und durchritt den Titusbogen; dort betete er das Minchagebet, dann hielt er beim ersten christlichen Gasthof: „Wirt, ich bin ein Ritter aus dem Hause der Pires, ich habe in Rom eine Geliebte, nach der ich mich zu Tode bange. Ihre Eltern halten sie gefangen ynd haben starke Wachen aufgestellt, so daß kein Ritter sich beim Schlosse zeigen kann, darin sie sitzt. Darum bitte ich dich, Wirt, nimm mein Pferd und meine Kleider und hole mir aus deinem Stall alte Lumpen ...“ Mordechai hüllte sich in einenSeidenen, mit Rot bestickten Mantel, warf die Lumpen darüber und ging zur Tiberbrücke. Hunderte von Krüppeln saßen dort, einer neben dem anderen, und schliefen, an die Geländer gelehnt. Krüppel ohne Füße, ohne Hände, ohne Augen; sie stritten, fluchten der ganzen Welt, öffneten ihre Wunden und wärmten sie an der Sonne. Wenn ein Ritter herankam, da wurden die Krüppel still, sprachen Segenswünsche und ließen die Perlen ihrer Rosenkränze abrollen. Die offenen Wunden, die verfaulten Glieder, die Löcher, wo sonst Glieder waren, all das schrie zu dem Vorübergehenden um eine Gabe, und dabei zählten sie die Namen aller Heiligen auf. Zwischen den Krüppeln saß Mordechai. Er flocht seinen langen Rosenkranz wie die Arme einer Menorah um die Hand, acht Arme um die Rechte, acht um die Linke, und merkte nicht, daß von überall her hohe Tore und Kirchtürme, die unreinen, auf ihn zukamen. Die Turmspitzen kamen immer näher, von allen Enden der Stadt kamen sie. Schmale und noch schmälere. Sie erschütterten die Luft mit dem Ton ihrer Glocken und verschlangen alles, was sie auf dem Wege trafen. Mordechai barg immerzu den göttlichen Funken, der in jeder dieser „Unreinheiten“, und brachte ihn zu seiner Wurzel zurück. Er ordnete die Funken, und feurige Buchstaben entstanden über den Armen, flammten auf und erloschen wieder und spiegelten sich im stillen Tiber wie in einem Silberspiegel. Als die Buchstaben über den Armen noch stärker aufleuchteten und sich dem Lichte des „Unendlich“ zuwandten, da erhoben sich darüber in einer Reihe zweiundzwanzig verschwommene Buchstaben, die formten sich zu einem feurigen Kreis, blau wie Saphirstein. Da streifte Mordechai seine Schuhe ab, warf sich vor Furcht mit dem Antlitz zur Erde und wiederholte einige Male: „Gedanke, Wort und Tat, all das ist enthalten im Worte Gott.“ . Aus dem Feuerkreis schälte sich ein zweiter, aus dem ein dritter und als ihre Zahl zehn geworden war, da sprühten blaue Schwaden Feuers und in dichtem Rauche erschien Gott, umgeben von den Seraphim. „Heilig, heilig, heilig, öffnet die Tore, bahnt einen Weg, der Allmächtige naht!“ Die Flügel der Seraphim rauschten. „Heilig, heilig, heilig ...“ „Wer bist du?“ — so war’s zu hören und nicht zu hören von Ost, Welt, Nord und Süd. — „Der Mensch hat dich zum Gott gekrönt, dich mit Donner und Blitz ausgestattet und dich zu einem Gott des Erbarmens und der Gnade und auch der Rache und Vergeltung bis ins vierte Geschlecht gemacht, deine Glieder abgemessen und dir eingeredet, daß man dir Tag und Nacht lobsingen muß. Wer bist du denn? Und auch du, du mit deinen blutigen Füßen und Händen, der du des Menschen Sünde erlösen wolltest durch dein eigen Blut, wer bist du? (Fortsetzung folgt)

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