Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 28 (18.10.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROM A N-B E I L AGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDRJDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz I 27. Fortsetzung Mordechai fragte sich nicht, warum er das tat, er wunderte sich nicht, daß er, der monatelang nicht gebetet hatte, mit einem Male die Mitternachtklage sang. Er hatte Lust zu weinen, und als die Tränen über seine Wangen rollten, betete er. Er fragte sich nicht einmal, woher er das Soharstück auswendig konnte, das ihm auf die Lippen kam; es war ihm wie einem, der im Traum einen Gemaraabschnitt auswendig hersagt, den er in seinem Leben nicht gelernt, eine Sprache spricht, die er nie gehört hat. Mordechai weinte. Er weinte vor Freude über die Läuterung seines Herzens, und seine Lippen murmelten: „Alle haben recht, alle! Rabbi Mendele, Reb Itsche, der barfüßige Israel! Alle haben recht, alle! Daniel, Duszka, Temrele! Alle, alle — Felicia, Komarowski, Kahane ... Alle, alle... Mordechai wiegte sich immer stärker im Takte zu seinen Worten. Dann verstummte er. Ihm fiel ein, daß man das Soharstück, welches er vor sich hingesagt hatte, beim Ableben eines Rabbi zu sagen pflegt. Müde lehnte er den Kopf an die Wand. Was ist geschehen? Was ist geschehen? Warum zerreißen alle ihre Kleider? Der Rabbi ist dahingegangen? Ja... Da liegt er! Reb Reb Itsche steht bei der Tür und sagt den Soharabschnitt, den ich eben gesagt habe. Der Rabbi liegt da, bedeckt mit seinem weißen Seidenkaftan. Soviel Lichter, soviel Menschen! Die Wände schieben sich auseinander ... Warum liegt er eigentlich auf der Bahre? Wer ist das? Der barfüßige Israel? Werft ihn hinaus! Werft ihn hinaus! Keine Hand rührt sich. Israel tritt zum Rabbi: „Rabbi von Kozk, tu’ Buße!“ Der Rabbi, in seinen weißen, seidenen Kaftan gehüllt, erhebt sich. Alles läuft davon, die Wände folgen. Das Zimmer wird immer größer, wird bloß Raum, und inmitten des Raumes steht Mordechai hilflos da. Der Rabbi faßt ihn schweigend bei der Hand, tut einen (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin trippelnden Schritt, einen Schritt, seufzt und rührt sich doch nicht vom Fleck. Mordechai zittert, blickt sich um —■ sie stehen vor einer Höhle. Eine Stimme vom Himmel, wie ein Schofarton, durchreißt die Luft: „Josef Caro! Josef Caro!“ Der Stein, welcher den Eingang zur Höhle versperrte, war fortgerollt. Ein ausgemergelter alter Mann, ohne Hemd, mit nacktem Leib, nur einen Gurt von Blättern um die Lenden, saß am Eingang der Höhle und studierte. Der nackte Mann schaute sich nicht einmal um, er lernte weiter, und erklärte jemandem etwas, obwohl niemand in der Höhle zu sehen war. Von Zeit zu Zeit wandte er sich unruhig um, als störten ihn die fremden Blicke. Eine Mißgeburt, mit wirrem Haar und Bart und einem furchtbaren Gesicht, das dem eines Fabeltieres glich, kroch aus der finsteren Höhle hervor und begrüßte Mordechai leise: „Warum zitterst du? Du brauchst nicht zu erschrecken, ich bin Josef Caros ,Maggid‘. Überwinde dich, mir in die Augen zu schauen, du wirst dort einen Abglanz von dem Gebetworte ,Barmherzig und gnädig4 finden. Da hast du ein Bündel mit Wegzehrung, begib dich auf die Wanderschaft, Kozk ist kein Ort für dich, geh ostwärts, geh westwärts, geh nordwärts und geh südwärts. Wand’re durch die weite, große Welt, zu den Menschen, und wenn alle Wege dir bekannt sein werden, alle Menschen dir nahe, dann mach’ halt an den Toren Roms. Und wenn dich ein Leid treffen sollte“ — die Mißgeburt beugte sich zu Mordechai und sah ihn eine Weile an; Mordechai fragte sich, wie es ihm nur vor einer Sekunde hatte einfallen können, des „Maggid“ strahlendes Gesicht sei häßlich — „und wenn dich ein Leid treffen sollte,“ — wiederholte der Maggid und raunte ihm dann ins Ohr — „dann kannst du mich mit diesem Einungswort herbeirufen. Geh, und deine Reise sei glücklich!“ Mordechai trat seine Wanderung an; er ging Tag und Nacht, durch Städte und Länder, deren Sprache er nicht einmal verstand. Seine