Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-10-18 · 42 (18.10.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
42 (18.10.1929)
Date
1929-10-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176100--09846-9082755
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Jüdische Echo Kummer 42 18. Oktober 16. Jahrgang Friede den Fernen und Nahen Von Moses Waldmann (Berlin) Noch immer sieht die jüdische Welt unter dem Eindruck der blutigen Ereignisse in Palästina. Die Nachwirkung dieser Ereignisse, die für die Untersuchung der Vorfälle bestimmte Kommission, ihre Abreise, die Tätigkeit der Gerichte in Palästina bei der Ahndung der vorgekommenen Verbrechen — all das steht im Vordergründe des jüdischen Interesses. Daneben spielen Aktionen wie der Protest eines Kreises von deutschen Juden, der nicht mehr weiß, was in jüdischen Dingen schicklich ist, eine untergeordnete Rolle. Man ist über derartige instinktlose, unjiidiscbe Taktlosigkeiten empört, geht aber über sie, da sie in der heutigen jüdischen Welt unzeitgemäß sind und darum wirkungslos bleiben müssen, achselzuckend hinweg. Man tröstet sich "über diese vereinzelte Missetat einer jüdischen Gruppe im Gedanken an die machtvollen Kundgebungen von Einheit, Geschlossenheit und Hilfsbereitschaft des größten Teiles aller Juden in der ganzen Welt für den Jischuw in Palästina. Ein weiterer Grund vertrauensvoller Hoffnung ist die Tatsache, daß in allen Kundgebungen und Demonstrationen anläßlich der Ereignisse in Palästina kein einzigesmal Gefühle der Rache und des Hasses gegenüber dem arabischen Volke, von dem ein kleiner durch verantwortungslose Hetzer mißbraucht wurde, zum Ausdruck gekommen sind. Nachdrücklich und aufrichtig wurde seitens der Juden in der Welt der Wunsch nach Versöhnung, Verständigung und Frieden ausgesprochen. Damit haben die Juden bewiesen, daß sie im tiefsten Grunde den Sinn echten Judentums in sich bewahrt haben und daß sie die Rolle verstehen, die ihnen Geschick und Geschichte auferlegt haben. Es ist in der letzten Zeit von bedeutenden jüdischen und nichtjüdischen Persönlichkeiten — bei den Nichtjuden handelt es sich um solche, die mit Ernst den Geist des Judentums zu erforschen sich die Mühe gegeben haben —• betont worden, daß die in der ganzen Welt zerstreuten Juden geradezu prädestiniert erscheinen, den Gedanken des Völkerbundes und Völkerfriedens mit Leidenschaft zu vertreten. Jüdische Tradition, die Erfahrungen des langen Galuth-Daseins, die Zerstreuung in der ganzen Welt lehren die Juden stärker als andere Menschengruppen die Bedeutung des Friedens erkennen. An ihrem eigenen Leibe konnten die Juden immer wieder die Erfahrung machen, daß sie bei allen Ruhestörungen die ersten Opfer sind. Ihre einzige Waffe im Kampfe um ihre individuelle und Gruppenexistenz ist stets das Prinzip der Gerechtigkeit gewesen und ihr einziger Haß ist der gegen die Gewalt. Es ist darum natürlich, daß die Juden zu allen Zeiten in den Friedensbewegungen eine Verwirklichung echt jüdischer Auffassungen erblickten und diese Friedensbewegungen mit den stärksten Sympathien begleiteten. Als sichtbares Zeichen dieser jüdischen Grundhaltung möge dienen, daß sowohl in den Anfängen der Weltfriedensbewegung der Nobelpreisträger Fried dieser Bewegung die stärksten Impulse gegeben hat und daß der eigentliche Initiator des Kellogg-Pakles ein jüdischer Rechtsanwalt ist. Aus dieser friedlichen Grundstimmung heraus widerstrebt es der jüdischen Auffassung, beim Aufbau des jüdischen Palästinas die Möglichkeit ins Kalkül zu ziehen, daß dieser Aufbau auf die Dauer mit gewaltsamen Störungen zu rechnen habe und für sie gerüstet sein soll. Es ist vielmehr der Wunsch der Juden, daß der Gedanke der Gewaltlosigkeit so mächtig werde im Bewußtsein der gesamten Menschheit, daß die Anwendung von Gewalt, wann immer und aus welchen Gründen immer sie ausgehen mag, als kriminelle Handlung empfunden werde. Eine Voraussetzung jedoch für eine derartige Geisteshaltung kann nur das Beispiel derjenigen Mächte sein, die alle Möglichkeiten hätten, stärkste Gewalt zu organisieren und wirksam werden zu lassen, aber auf diese Möglichkeit freiwillig verzichten. Wir leben in einer Welt der Wirklichkeit, und so verehrungswürdig der Wunsch auch der Schwachen nach Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit sein mag, praktisch fiele leider der Wunsch und der Wille der Schwachen kaum ins Gewicht. Wenn jedoch die Starken und Großen unter dem Druck der öffentlichen Meinung, in Erkenntnis der Forderungen, die Weltverkehr und Weltwirtschaft, soziale Gerechtigkeit und der Wunsch der ungeheuren Massen der arbeitenden Menschheit erheben, sich die Hand zur Verständigung und zum Frieden reichen, dann erst sind die praktischen Gegebenheiten vorhanden, um vom tatsächlichen Frieden in der Welt zu sprechen. Aus diesem Grunde haben neben allen Friedfertigen auf dem Erdenrund besonders die Juden in den letzten Tagen mit stärkster Anteilnahme die Tagesereignisse verfolgt. Der Tod Gustav Stresemanns, der auch ein Träger des Nobelpreises für Frieden war, bot allen Friedensfreunden in der Welt und besonders den Juden Gelegenheit, über das tragische Schicksal des deutschen Staatsmannes hinaus ihre Gedanken dem Frieden zu weihen. Stärker noch als dieses traurige Ereignis gemahnte ein politisches Vorkommnis ersten Ranges alle Welt an den sieghaften Vormarsch der Friedensidee. Wir meinen damit die Zusammenkunft des englischen Premierministers Macdonald mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Hoover. Zumeist ist es so, daß Zeitgenossen blind an den wichtigsten, wahrhaft geschichtsbildenden Vorkommnissen Vorbeigehen. In diesem Falle aber, da sich die Repräsentanten der größten Weltmächte die Hand zum Bunde reichten, wurde dieses Entrevue von der Menschheit glücklicherweise verstanden. Das Friedensbeispiel dieser Großen wirkt auf die gesamte Weltmeinung. Das zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritanniens zustande kommende Einverständnis in Rüstungsfragen und anderen Friedensproblemen ist der stärkste Garant ruhiger Entwicklung in der Welt. Man darf hoffen, daß erst jetzt parallel mit den Bestrebungen des Völkerbundes ein Zeitalter der Stabilität hereinbrechen wird. Von der schwersten Sorge,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.