Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-10-11 · 27 (11.10.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
27 (11.10.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-10-11
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176095--09836-9082745
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 27 „Und ich sage, an allem ist das freche Weib schuld.“ „Wer?“ „Temrele.“ „Die Warschauerin?“ Mordechai merkte, daß es zur Flucht zu spät war; er konnte erschlagen werden. Gleichgültig blieb er stehen und wartete, bis die Menge eindringen würde. Gebt uns Nachman heraus“, — schrie einer durch das geschlossene Fenster. „Und Daniel.“ „Den Verräter Israels.“ „Dann soll euch nichts geschehen.“ „Daniel, mein Lieb, verstecke Dich“ — Duszka lief erschrocken, in den Pelz ihres Mannes gehüllt, auf ihn zu. „Sie können dir weiß Gott was antun. Ich bitte dich, Daniel... durch den Keller kann man zum Großvater hinüber ... Was wartest du noch?“ Besinnungslos, keine Bewegung im Gesicht, stand Daniel da und wartete, daß ihn eine Hand faßte; dann würde er gehen, wohin man ihn führte. Nachman stand vor ihm. „Rabbi, verlass’ uns nicht!“ Das genügte. Daniel, eben noch ängstlich, richtete sich auf, verbot Licht zu machen, versperrte Türen und Fenster und drückte jedem irgendeinen Gegenstand, den er gerade greifen konnte, in die Hand, damit er sich verteidige. Die Scheiben wurden eingeschlagen. Die Frauen rangen hilflos die Hände und weinten. Es dauerte nicht lange, da hatte die Menge draußen Tür und Fenster erbrochen, drang von allen Seiten ein, und es begann eine Prügelei. Im Getümmel entkam Mordechai. Er lief quer durch den Garten, sprang über den Zaun und lief den Wieprz ermang. Ihm wurde klar, daß der Chassidismus im Sterben lag. Er sah eine Judenwelt ertrinken. Eine halbnackte Duszka und eine ausgelassene Temrele genügten ihr, um sich zu vergessen. Wenn es wahr.ist, daß die Zeit den Moschiach bringen wird, dann hätte er schon lange hier sein müssen! Jeder Tag des Galuth war und ist doch bereit, ihn zu empfangen! Wer weiß? Vielleicht muß der Moschiach von selbst kommen, vielleicht ist er schon unter uns. Er soll der Unfruchtbarkeit des Millionenvolkes ein Ende machen. Werden sie ihn erkennen? Vielleicht... Je weiter Mordechai durch das Feld schritt, desto fröhlicher wurde er; er vergaß, daß es Nacht war, denn er läuterte und heiligte in sich ein neues Wort, das aus der Ferne drang und fühlte Fäden ferner Welten in seinem Herzen zusammenlaufen. Der Himmel hüllte sich in Flammen und breitete sich über Feld und Wald wie ein hellroter Schleier. Mordechai blieb stehen. Er dachte an Riwkele, an Rabbi Mendele und war sicher, daß der Hof brannte. Eine Weile stand er unschlüssig als wollte er umkehren, dann wehrte er mit einer Handbewegung ab: „Mag es brennen!“ Die eisbedeckten Zweige flammten auf, die Kristallprismen und gläsernen Stämme leuchteten in tausend Farben. Da tauchten Vögel und Eichhörnchen auf, dort Hirsche und Hasen, sie äugten hinter jedem Baum hervor und jedem Busch. Mordechai stand in einer Zauberwelt. Er öffnete seinen Mantel, nahm die Pelzmütze ab, unter seinen Füßen fühlte er die Asche brennender Höfe, den Staub untergehender Geschlechter. Plötzlich warf er sich, so lang er war, in den Schnee. Der flammende Himmel breitete sich über ihn aus, senkte sich nieder und umhüllte ihn mit unirdischer Ruhe. Die Zweifel waren verschwunden, verflogen zwischen Himmel und Erde und ihn durchdrang solche Freude, daß er wie neubelebt aufsprang und mit festen Schritten den Weg über das schneebedeckte Feld nahm. Salomo Molcho Um zwei Uhr nachts kam Mordechai heim. Leise ging er in sein Zimmer, entkleidete sich, ohne Licht zu machen, und blieb auf seinem Bett sitzen. Geschehnisse ohne Zusammenhang schwebte an ihm vorüber, blitzten in seinem Herzen auf und erloschen wieder wie Sterne. In Gedanken sah er den Vater halb entkleidet auf dem Bett sitzen und das Nachtgebet sprechen, ihm gegenüber die Mutter mit verweinten Augen. Ihn ergriff solche Sehnsucht nach einem Menschen, daß er sich dem ersten besten in die Arme werfen und ihm hätte beichten können. Mit einem Mal trat er zum Ofen, nahm Asche heraus und schüttete sie sich auf die Stirn, auf die Stelle gerade, wo man die Tefillin anzulegen hat, dann setzte er sich bei der Tür auf den Boden und ohne Worte entrang sich ihm jene weinende Melodie, die er als Knabe von seinem Großvater gehört hatte, wenn er das Mitternachtgebet sprach. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.