Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 27 (11.10.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-10-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ 't f f DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 26. Fortsetzung Während Daniel zurückkam und die Menge noch immer staunend Nachman umringte, erhob sich Temrele leicht von der Ottomane, klirrte mit den Perlenschnüren und begann vor Daniel zu tanzen. Keiner hörte mehr Nachman zu; alle blickten auf Temrele, die lässig Hände und Füße bewegte, sich bog und wand; ihre Augen, die großen schwarzen Augen, ließen nicht ruhig stehen, sie zogen jeden zum Tanz. Ihre Bewegungen wurden rascher, wilder, die weißen Zähne schärfer, die Augen sprühten Feuer, wurden böse, lachten, lockten. Die Menge hielt es nicht mehr aus, wurde mitgerissen, faßte einander bei den Händen, riß auch Mordechai in den Reigen, umringte Daniel mit Temrele und vergaß alles. Mordechai bewegte sich wie nicht dazugehörig; er sah, wie sich die Hände allmählich entwirrten; der Knäuel löst sich, Paare ziehen sich zurück und blieben in den Winkeln liegen. Ein wahnsinniger Schreck durchfuhr ihn, er mußte sich setzen. Ein Licht nach dem anderen verlosch. Es wurde finster. Nach und nach wurde die Finsternis schwächer, aus allen Winkeln schälten sich Gestalten. Durch einen offenen Fensterladen blickte ein runder, kalter Mond ins Zimmer. Eine verschleierte Gestalt stand plötzlich vor Mordechai, setzte sich auf seine Knie und umschlang ihn: „Wenn es Euch nicht bequem ist, so sagt es nur, dann gehe ich sofort!“ Mordechai schwieg. Er wunderte sich, daß ihm keine bösen Gedanken kamen, und obwohl sein Herz ihm sagte, wer es war, hatte er doch Furcht, den Schleier zu heben. In der Finsternis erklangen erstickte Schreie und über ihnen schwebte das leise Weinen des Mannes, der mit dem Kopf an die Wand schlug: „Vater, oj Vater, oj Vater!“ In der Tür stand Duszka. Ein weißes Nachthemd floß bis zu ihren Knöcheln. Sie schaute mit aufgerissenen Augen und sah nichts. Der Kopf mit dem kurzgeschorenen Haar, die dünnen Beine erinnerten an einen Knaben. (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin Eine Weile stand sie unbeweglich. Dann wendete sie sich sehnsüchtig mit geschlossenen Augen dem Monde zu. Duszka glitt durch das Zimmer, wich den Stühlen und Menschen aus und blieb bei der Ottomane stehen. Sie streckte die Hand aus, als wollte sie jemanden berühren, wandte sich wieder dem Monde zu, schluchzte leise wie ein Kind, das einschlafen will, und entschwand aus dem Zimmer auf demselben Wege, auf dem sie gekommen war. Mordechai dachte nicht mehr daran, daß auf seinen Knien eine Frau saß; sie weinte. Und in ihrem Weinen klang die Melodie wieder, welche aus der alten Schul, aus dem Beth-Hamidrasch zu dringen schien, wo Generationen von Juden in Strümpfen auf dem Boden saßen und die Kinoth mit Tränen benetzten — — — — — — — — — — Von draußen klangen Stimmen. Sie kamen von allen Seiten. „So ein Greuel!“ „So ein Greuel!“ „Mit fremden Frauen.“ „Unter dem Dach des Rabbi.“ „Ausrotten muß man sie.“ „Keine Spur darf von ihnen bleiben.“ „Sabbatianer!“ „Wirklich Sabbatianer.“ „Er geht den Weg seines Großvaters, der Musterknabe!“ „Welcher Musterknabe?“ „Daniel.“ „Er gehört doch zur Familie der Eibenschitzh“ „Du bist nicht wert, Rabbi Jonathans Namen in deinem Munde zu führen, du Lausbub!“ „Wer ist dieser Zaddik im Pelz?“ „Die Frau des Schächters aus Lipno soll auch dort sein.“ „Und die Frau von Reb Leibusch Pariczewer auch!“ „An allem ist der Rote schuld.“ „Wen meinst du?“