Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1929-10-04 · 26 (4.10.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
26 (4.10.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-10-04
Page
Seite 92 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9072829-9103083-9176091--09817-9082726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

92 RomanbeHage des „Jüdischen Echos' Nr. 26 bewegt, so hätte man meinen können, sie seien vor lauter Ekstase eingeschlummert. In einem Winkel stand ein kleines Männchen, schlug mit dem Kopf an die Wand, beschmierte sich mit dem Blut, das ihm aus der Nase und von der Stirn troff, und rief mit leiser, weinender Stimme: „Vater, Vater, oj Vater!“ Zwei junge Frauen hielten einander bei den Händen und drehten sich im Kreise, schnell, immer schneller, daß ihre Kleider sich wie offene Schirme blähten; dann fielen sie einander in die Arme, sanken müde nieder und blieben auf dem Boden liegen. Auf einer weichen Ottomane saß Temrele, Rabbi Mendeles Schwägerin aus Warschau. Sie saß In einen Winkel gedrückt, die Füße eingezogen, ihr loses Seidenkleid fiel in weichen Linien und Falten über die Knie. Ihre Perlen hatte sie vom Halse gelöst und spielte mit den Schnüren; sie klirrte damit, als wollte sie jemand durch Zauber in ihren Bann tun. Duszka blickte von der Seite her auf Temrele, und so oft Daniel neben der Ottomane stand, verzog sie hilflos den Mund, wie ein Kind, das weinen will, rief ihn zu sich, raunte ihm etwas ins Ohr, und schaute dann triumphierend zu, wie Temrele mit den Perlenschnüren klirrte. Hoch, mit sehr schmalen Schultern, die einem aufgeschossenen Knaben zu gehören schienen, stand Daniel an ein Pult gelehnt. Sein schönes bleiches Antlitz, aus dem jeder Tropfen Blut gewichen war, sah sehr müde aus. Er wußte nicht recht, was hier vorging, begriff nicht, warum man nach Mitternacht zusammenkam, wunderte sich, weshalb Nachman in seinem Namen die Thora deutete, in einer Weise, wie sie Daniel nie gedeutet hatte, litt darunter, daß er sich keinen Augenblick von Temrele befreien konnte, und war zu gleicher Zeit bereit, ihr alles zu vergeben, könnte er nur mit ihr allein bleiben. Nachman, ein großer Mann mit feuerrotem Barte, der die Thora in Daniels Namen deutete, sprach schnell und abgehackt, mit großer Sicherheit, mit häufigen Pausen; sein Blick ging über alle hinweg, als sähe er Dinge, die die Menge ringsum nicht sah. Seine Augen leuchteten, der Bart flammte, und obwohl er jeden Bibelvers verdrehte, schien er höher zu stehen als die Gelehrten ringsum; fast jedermann, mit dem er in Berührung trat, unterlag seinem Einfluß. Die Menge hatte aufgehört zu tanzen; sie scharte sich um Daniel und verschlang Nachmans Worte. Ein alter Mann warf sich einmal ums andere nieder und wälzte sich auf dem Boden, um damit zu zeigen, in Daniels Gegenwart müsse jeder zu Staub werden, auf den Daniel treten könne. Und je schneller Nachman sprach, desto stiller und geheimnisvoller wurde es ringsum. Die Hitze, welche aus dem Ofen schlug, rötete die Wangen und erwärmte die Glieder, so daß die Leute nicht ruhig stehen konnten, sondern immerzu von einem Fuß auf den andern traten. Niemand hatte bemerkt, daß Duszka allein und verlassen mitten im Zimmer sitzengeblieben war. Sie blickte nicht mehr auf Temrele, die durch die Menge verdeckt wurde. Mit geschlossenen Augen hörte sie Nachman zu: „... der Mensch liebt den Schöpfer gemäß der Stufe, von der er ihn begreift. Und da des Menschen Verstand eine Grenze hat, ist er nicht imstande, die höchste Stufe des Dienstes zu erreichen. Denn wieweit kann ein Geschöpf aus Fleisch und Blut mit dem Verstände kommen...“ „... dem Herrn der Welt dienen und ihn preisen kann man nur durch Liebe. Um die höchste Stufe der Liebe zu erreichen, muß man vorher zur Erhebung der Seele kommen, alles Körperliche von sich abtun, sich als Mitschöpfer fühlen, und das kann man nur durch Paarung, nur durch Paarung. Auf dieser Welt zwischen Mann und Weib und auf jener Welt mit der himmlischen Schönheit, der ,Tif‘- eret‘...“ Mann und Weib? Ich hasse Männer! Sie sind so schwer, drückend, mit Bärten bewachsen, und die Bärte stechen, kriechen über den Leib, brr! Warum schaut er so auf mich? Warum schauen sie? Soviel gierige Augen! Und Nachman? Sein roter Bart wird größer, größer, weitet sich zu einem Fluß, einem feurigen Strom... Ihr wollt schauen? Ha, ha, ha! Gleich, gleich, aber vorher ins Feuer! Ins Feuer! Keiner soll bleiben! Jetzt schaut! Schaut, wie ich die Kleider abwerfe, öffnet eure gierigen Augen! Brennt es? Ha, ha, ha, Ihr habt doch schauen wollen! Schaut, schaut! Das ist Daniel! Wie er sich in den Flammen windet! Daniel! Daniel!... Duszka öffnete die Augen; kalte Schauer durchzuckten ihren Leib. Daniel stand neben ihr, streichelte ihr die Stirn und beruhigte sie: „Geh in dein Zimmer, du bist müde.“ Er nahm sie bei der Hand und ging mit ihr hinaus. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.