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Das jüdische Echo · 1929-10-04 · 26 (4.10.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
26 (4.10.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-10-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 25. Fortsetzung Mordechai ärgerte sich über sich selbst und wurde noch mehr verlegen. Aber war er denn verpflichtet, dem barfüßigen Israel Rechenschaft abzulegen? Ehe er aber noch Zeit hatte, etwas zu sagen, leuchteten Israels Augen auf und er fuhr fort: „Wenn man von Reb Dowidl kommt, muß man da über Zäune springen? Bekenne, daß du von Daniel kommst!“ „Seit mehr als einer Woche habe ich ihn nicht gesehen“, verantwortete sich Mordechai schuldbewußt. „Ist das wahr?“ „So wahr ich ein Jude bin.“ „Ich glaube dir, du bist doch Reb Itsches Schüler.“ „Warum fragt Ihr all das?“ Mordechai vertrat Israel den Weg; der Ärger darüber, daß er sich einem wildfremden Menschen verantwortet hatte, begann in ihm zu wachsen. „Kozk schläft ruhig, hat seine Seelen in Mendeles Obhut gegeben, Mendele — in Dowidls, Dowidl — in die des Sabbatianers.“ Israel schrie die Worte beinahe, zog eine kurze dicke Pfeife aus der Tasche und deutete mit ihr auf den Hof. „Und dort geschehen jetzt Greuel wie in Sodom! Wehe, wehe, die Menschen sind taub, die Menschen sind blind, sie sehen nicht des Bösen Reich vor ihren Augen, sie sehen nicht, daß der Sabbatianer mit fremden Frauen lebt. Ich will ihn vernichten, den Verräter Israels! Siehst du das bißchen Asche?“ Israel klopfte mit zwei Fingern an die Pfeife und schüttete ihre Asche auf seinen Kopf. „So werde ich ihn in alle vier Winde verstreuen, daß keine Spur von ihm bleibt! Ein solches Unglück, ein solcher Fluch!“ Israel hüllte sich in seinen Pelz und ging ohne Gruß. Mordechai blieb stehen; die Begegnung hatte ihn überrascht; was hatte Israel so spät hier zu tun? Er schaute ihm nach; Israels hohe, etwas vorgebeugte Gestalt wankte über das eisglatte Feld; in Mordechais Ohren klang es noch: wehe, wehe, keine Spur wird bleiben. Vor seinen Augen stieg das belagerte Jerusalem auf. Menschen kämpfen mit der letzten Kraft, sie fallen in den Gassen vor Hunger, aber sie wollen sich dem Feinde nicht ergeben. Und unter ihnen geht der Prophet mit dem wildverwachsenen Gesicht umher und hört nicht auf, Salz auf die Wunden zu streuen, unaufhörlich erinnert sie daran, daß ein Fluch über der heiligen Stadt und dem Tempel hängt, daß alles vergebens ist, denn Jerusalem muß untergehen. Mordechai konnte nicht verstehen, warum die verhungerten Juden den Propheten nicht bei lebendigem Leibe in Stücke gerissen hatten. Er sah sich um und merkte, daß der barfüßige Israel ein Brett des Zaunes zurückbog und in den Garten kroch. Er folgt ihm auf den Zehenspitzen. An dem Haus bewegte sich eine Gestalt, richtete sich bei Daniels Fenster auf und blickte durch die Spalten des Ladens. Mordechai wurde es unheimlich; sein Hirn durchfuhr der Gedanke, der barfüßige Israel schicke sich an, den Hof in Brand zu stecken. Er erinnerte sich an Riwkele, an Rabbi Mendele; schnell machte er einen festen Schneeball, warf ihn in der Richtung des Fensters und versteckte sich. Die Gestalt drehte sich um, spähte, woher der Schneeball kam und verschwand. Mordechai ging vorsichtig zum Fenster und blieb beim geschlossenen Laden stehen. Er erkannte Daniel Eibenschitz’ Stimme und trat in das finstere Vorhaus. Dort versuchte er, eine Tür zu öffnen, sie war verschlossen. Er drückte stärker, die Verschlußkette gab nach. Niemand bemerkte ihn, als er eintrat. Mitten im Zimmer saß Duszka, halb nackt, die Stirnhaube, besetzt mit Granaten, auf dem Kopf. Um sie drehten sich Männer und Frauen im Kreise, einander an den Händen haltend, ihre Köpfe waren vorgestreckt, die Augen geschlossen, und hätten sich nicht die Füße

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