Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 24 (20.9.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-09-20
- Page
- Seite 88 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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88 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 Nr. 24 kele, ich habe kleine Kinder lieb! Kinder habe ich lieb und Krüppel. Wenn ich einen Krüppel sehe, muß ich stehen bleiben... ihre verzerrten, traurigen Gesichter beruhigen mich ... da vergesse ich, daß ich Daniels Frau bin und Rabbi Mendeles Enkelkind... ich möchte so gerne mit ihnen im Rinnstein sitzen und in Lumpen gehen, betteln, ihren Geruch einatmen und mit ihnen singen. Und gerade weil Mama nicht erlaubt, ihre Lieder zu singen, habe ich solche Lust dazu!“ Plötzlich machte sie einen krummen Rükken, ihre Augen wurden gläsern, sie fuhr mit der Hand über den Arm, wie ein Bogen über die Saiten fährt, und begann mit einer herzzerreißenden Melodie zu singen „0 Jesu mein, o Jesu mein, Wenn ich in Nöten bin, Da mußt du bei mir sein-“ Riwkele hielt ihr den Mund mit der Hand zu und ließ sie nicht enden; Duszka richtete sich wieder gerade auf und schmollend umarmte sie die Schwester. „Bei uns im Hause gehen den ganzen Tag Männer ein und aus. Warum zitterst du? Ist dir kalt? Soll ich dich an mich drücken? Fester? Riwkele, wärest du doch wenigstens gelähmt! Ich würde dich so lieb haben! Die ganze Zeit würde ich an deinem Bette sitzen und du müßtest mich streicheln. Es ist mir so heiß! Riwkele, streichle mich, deine Finger sind kühl... Jetzt ist mir so gut, so gut, ah, so .. Riwkele waren die Zärtlichkeiten der Schwester zuwider; sie begriff nicht, wie man Krüppel lieben konnte und wollte fragen, ob sie auch Mordechai hasse, doch sie unterdrückte die Frage, entwand sich den Armen der Schwester und bat sie: „Laß mich los, Duszka, ich will Licht machen.“ „Wir brauchen kein Licht, Riwkele, wir wollen im Dunkeln sitzen. Im Dunkeln kannst du herbeirufen, wen du willst. Wenn ich will, steht der Vater vor meinen Augen, der doch heute, mit der Mama in Lukow ist. Wie meinst du, wird die Heirat Zustandekommen? Wenn du heiraten wirst, dann werde ich allein bleiben, ganz allein.“ Duszka blieb eine Weile hilflos sitzen, dann sprang sie auf. „Komm, ich will dir weissagen, ich werde den Mann rufen, mit dem man dich verheiraten will, komm!“ „Hör’ auf, das ist Zauberei.“ „Wäre es Zauberei, so täte es Daniel nicht! Gestern hat er seinen Urgroßvater beschworen, Rabbi Jonathan!“ „Wirklich?“ Riwkele machte große Augen. „Hast du auch den Toten gesehen? Mein Gott! Und wie kommt er herein, schwebt er in der Luft? Redet er wie ein Mensch? Ich könnte das nicht ertragen!“ „Ich war auch wirklich erschrocken!“ Duszka lächelte. „Stell’ dir vor, Daniel hat den Ahn Rabbi Jonathan gebeten, er möge ihm die Formel geben, durch die es ihm möglich war, mit Rabbi Isaak Luria zu sprechen; und auf einmal steht der Ahn da, in Totenkleidern, ganz zerfressen, und die Löcher bewegen sich, die Löcher sprechen, lachen ... rote Löcher, feurige Löcher, große Löcher, hi, hi, hi!“ „Geh, Duszka, du erzählst immer solche Geschichten, daß es mir kalt über den Rücken läuft.“ Riwkele zitterte. Ohne zu antworten, zog Duszka die Schwester mit sich, und beide traten in ein kleines, dunkles Zimmer. Duszka zündete eine dicke Wachskerze an, stellte sie zwischen zwei Spiegeln auf einen runden Marmortisch und begann leise mit den Lippen etwas zu murmeln. Atemlos blickte Riwkele auf die Marmorplatte des Tisches; sie sah erst nichts. Als sie länger hinschaute, fühlte sie ihre Augen schwer werden; auf der Marmorplatte schienen Pünktchen wie Nadelstiche aufzuflammen und wieder zu erlöschen. Allmählich begannen die Gold- und Silberäderchen in dem Stein sich zu bewegen, drehten und wandten sich, ballten sich zu einem Nebel und in der Luft rauschte etwas, als wäre jemand erwacht und käme jetzt näher. „Still!“ Duszka faßte sie bei der Hand. „Siehst du?“ Riwkele sah aus dem Nebel eine Gestalt aufsteigen. Wie ein Nachtwandler bewegte sich die Gestalt, von den kalten Mondstrahlen geführt, zwischen den Bäumen, und kam singend näher. „Erkennst du ihn?“ fragte Duszka. Riwkele erkannte ihn; sie fühlte, daß in ihr etwas mitzusingen begann. Ihre Füße wurden so leicht, leichter als der weiche Schnee, und ihr Hirn so luftig, luftiger als die frostige Nacht. „Ich glaube, es kommt jemand.“ Duszka horchte und löschte die Kerze. „Es kommt dir nur so vor.“ „Ich sage dir, jemand kommt.“ „Außer Daniel ist ja niemand zu Hause.“ „Wer ist dort?“ „Wer kommt?“ (Fortsetzung folgt)