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Das jüdische Echo · 1929-09-13 · 23 (13.9.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 86

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
23 (13.9.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-09-13
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 23 licher Mensch aus Fleisch und Blut, der nicht ruht wie der Sambatjon, der jeden Tag, jede Stunde stirbt, was hat der zu tun mit“... — der Rabbi brach plötzlich ab, blieb müde sitzen und machte eine Handbewegung. „Unnützes Gerede! Läge das ganze Wesen des Judentums wirklich in dem Satze ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!4, von uns wäre keine Spur mehr übriggeblieben. Weißt du, warum? Weil der Mensch schon von Natur aus keine Liebe zum Nächsten hat! Was sage ich? Eine viel niedrigere Stufe, wie zum Beispiel Mitleid, besitzt er auch nicht! Es muß schon einem ein Fuß fehlen oder eine Hand, oder er muß halb verhungert sein, damit bei uns Mitleid für ihn entstehe. Und doch wimmelt es um uns von Tausenden Menschen mit Händen und Füßen, und ihre Leiden sind unendlich, tausendmal größer als bei einem, dem die Hand fehlt! Die Menschen lechzen nach ein,bißchen Mitleid und vergehen danach vor unseren Augen, aber wir gehen ruhig vorüber, als wäre nichts geschehen! Wie kann da die Rede sein von Nächstenliebe? Ich sage dir, ein Glück, daß in jedem von uns ein Funke von Schamai steckt!“ „Aber warum seid Ihr, Rabbi, so milde?“ fragte Reb Itsche. „Von mir sprich nicht! Ich und Gott...“ Reb Itsche deutete auf Mordechai. Der stand mit offenem Munde da, das Leid in seinen Augen flammte, er war bereit, sich Rabbi Mendele zu Füßen zu werfen; plötzlich merkte er, daß er störte und ging langsam hinaus. In der Tür begegnete ihm ein älterer Mann mit einem langen Bart und einem weißen Schafpelz, wie ihn Bauern tragen; er klopfte den Schnee von seinen Stiefeln und fragte Mordechai furchtsam: „Wo ist der heilige Rabbi, er lebe lange?“ Mordechai zeigte ihm den Rabbi. Der Mann trat sofort auf den Rabbi zu, nahm die Pelzmütze ab, und ehe es jemand verhindern konnte, fiel er nieder und begann den Saum des weißen seidenen Kaftans zu küssen. In der Meinung, es sei ein Christ, wollte der Rabbi den Schammes rufen, der polnisch sprach. Inzwischen hatte sich der Jude erhoben und mit der Mütze in der Hand platzte er heraus: „Heiliger Rabbi!“ „Ein Jude?“ — der Rabbi hob die langen Wimpern und lächelte. — „Sie werden mick schon bald zu einem Pfaffen machen! Warum stehst du ohne Kopfbedeckung da?“ Verwirrt setzte der Jude seine Mütze auf und blickte verlegen umher. „Das ist wahrscheinlich ein Dorfjude,“ entschuldigte ihn Reb Itsche, „er wohnt auf dem Lande und sieht von einem Neujahr bis zum anderen keinen Juden vor sich ...“ „Und glaubt,“ unterbrach der Rabbi lächelnd, „wenn man vor dem Grafen den Hut abnimmt, so muß man es vor mir erst recht..“ Mordechai verließ das Haus und blieb auf dem Hofe stehen. Er fand sich zwischen Rabbi Mendele und Reb Itsche nicht mehr zurecht. Er sah die Krähen wie ein schwarzes, dreieckiges Tuch auf dem Schnee liegen; dann erinnerte er sich an den mageren Schächter mit der rot angelaufenen Nase und konnte sich mit dem Gedanken nicht befreunden, daß die Krähen, von denen die Bauern glauben, sie seien verfluchte Seelen, auch Seelen von Schächtern sein sollten. Ist diese Vorstellung jüdisch? Bei den Juden ist ein Schauchet ein wahrhaft frommer Mann, der Thorawissen hat und keiner Fliege etwas zuleide tut. Seine Augen sind weich, seine Schritte leise, und wenn er ein Tier schlachtet, so geschieht es mit Gottesfurcht; fast unhörbar tritt er hinzu wie der Hohepriester, spricht einen Segensspruch, zieht leise das blinkende Messer durch — ein Schnitt und die Schlachtung ist vollzogen im Namen Gottes! Mordechai zitterte; er fühlte unbewußt, daß Rabbi Mendele recht hatte. Und je länger er dastand, desto trauriger wurde es ihm ums Herz. Er wußte nicht, was ihn quälte; er hatte etwas tun wollen, sich den ganzen Morgen darauf vorbereitet, nun verdroß es ihn, daß er sich nicht erinnern konnte. Er ging im Hofe hin und her, von da in den Garten, ohne zu merken, daß es finster wurde. Bis zu den Knien watete er im Schnee und horchte auf das Knirschen des Schnees. Jahrelang schon, so schien es ihm, stand er ganz allein inmitten eines gefrorenen Flusses. Das Eis kracht, springt, und er sinkt, will sich mit Händen und Füßen halten, aber alles weicht, er sinkt wieder, erhebt sich und sinkt abermals. Er erschrak vor seinem eigenen Schrei und sah sich um. Da bemerkte er in einem Fenster von Dowidls Wohnung eine Gestalt und spürte mit einem Male das Anheimelnde eines warmen hellen Zimmers. In seinem Hirn öffnete sich ein Kämmerchen und er erinnerte sich, daß er um Riwkeles willen gekommen war. Sein Herz wurde leichter. Fortsetzung folgt.

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