Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 23 (13.9.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-09-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9176079--09769-9082678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS, DER LETZTE WALD|UDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin 22. Fortsetzung Der Mann trat näher. Er hatte ein dummes Gesicht und blaue Kinderaugen, sprach langsam und vorsichtig, als wäre es eine schwere ungewohnte Aufgabe für ihn, ein Wort herauszubringen. „Seit zwei Wochen bin ich unterwegs, heiliger Rabbi.“ „Woher kommst du?“ — der Rabbi wurde weicher. „Aus Ciechanow, heiliger Rabbi.“ „Reb Awrejml, er lebe lang, hat mir keinen günstigen Bescheid gegeben.“ „Du hast doch einen Rabbi, ist denn Reb Awrejml nichts wert?“ „Da willst du also, ich möge dir eine Erlaubnis geben, die er versagt hat?“ Der Mann antwortete nicht; schuldbewußt schlug er die Augen nieder. „Also laß hören!“ „Seit dreißig Jahren, heiliger Rabbi, versorge ich ganz Ciechanow mit Wasser.“ „Du bist ein Wasserträger?“ „Ja, heiliger Rabbi. Jetzt könnte ich heiraten ...“ „Du bist ein Witwer?“ „Ich bin noch Junggeselle, heiliger Rabbi! Die Stadt erlaubt mir aber nicht zu heiraten, sie sagt, ein Bastard dürfe in der Gemeinde keinen Hausstand gründen.“ „Hast du deine Eltern gekannt?“ „Nein, heiliger Rabbi.“ „Und du könntest heiraten?“ „Ja, heiliger Rabbi, eine Witwe mit zweihundert Gulden.“ „Nun, was sagst du“ — der Rabbi wandte sich zu Reb Itsche, welcher die ganze Zeit dabeigestanden war und zugehört hatte —. „Ein Jude soll heiraten!“ „Es wäre aber gut“ — warf Reb Itsche ein — „wenn er in eine andere Stadt übersiedeln würde, um den Leuten kein Ärgernis zu geben.“ „Fahr nach Hause und heirate!“ — schrie der Rabbi den Wasserträger an. — „Sage Reb Awrejml von Ciechanow, daß ich, Mendele von Kozk, es erlaube!“ Reb Itsche, welcher seinen schwarzen Bart zwischen den Lippen hielt, ließ ihn los, als der Wasserträger das Zimmer verließ, und begann ohne Umschweife: „Die Stelle im Koheleth: ,Ich saß und sah die Beraubten ...‘ legt Rabbi Daniel Chajita aus, damit die Bastarde gemeint seien. Wenn sein Vater sündig war und zu einem sündigen Weibe ging, was kann der arme Wasserträger dafür? Und wenn das Synhedrkm durch die Gerechtsame der Thora, die es sich selber schuf, die Bastarde aus der Gemeinschaft Israels ausschloß und keiner da ist, der sie tröstet, so sagt der Herr der Welt: ,Ich will sie trösten!4 Wenn das Synhedrion sie vor der Welt erniedrigt hat, so werden sie vor mir auf jener Welt wie goldene Armleuchter erstrahlen.“ „Wessen Deutung ist das?“ — der Rabbi legte eine Hand ans Ohr, um besser zu hören. „Von Rabbi Daniel Chajita.“ „Ach was!“ — Der Rabbi verzog das Gesicht, als wäre Chajita damit erledigt. — „Sofort ist ein fertiger Spruch, ein Rezept vorhanden!... Wie kann ein Mensch alles auf sich stellen, in allem sicher sein? Ich halte es mit Schamai! Wenn zu mir ein Fremder käme mit der Bitte, ich möchte ihm die ganze Thora beibringen, während er auf einem Fuße steht, ich würde ihn auch hinausjagen! Mir könnte gar nicht einfallen, daß der Satz, Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!4 das ganze Wesen des Judentums in sich enthält! Denn es ist nicht so und wird nicht so sein! ,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! 4 44 —der Rabbi faßte sich beim Barte — „das ist vielleicht die höchste Stufe, die nur einzelne mit ihrem Geiste begreifen können; aber ein gewöhn-