Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- Seite 549 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37 Das Jüdische Echo 549 dem englischen Botschafter in Berlin mit der Bitte um Weitergabe an seine Regierung überreicht. Ebenso hat Herr Kurt Blumenfeld, Vorsitzender der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, die vom Landesverband der Zionistischen Vereinigung beschlossene Resolution dem englischen Botschafter zugestellt. Wie wir erfahren, hat auch Herr Professor Albert Einstein im Zusammenhang mit den Ereignissen in Palästina ein Schreiben an den englischen Botschafter gerichtet. Grauenvolle Grabschändung in Saarbrücken Berlin, 9. September. (JTA.) Wie aus Saarbrücken telegraphiert wird, wurde auf dem dortigen Israelitischen Friedhof eine grauenvolle Grabschändung verübt. Ein unbekannter Täter hat das Grab eines vor zwei Jahren beerdigten Kindes geöffnet, den Sargdeckel eingedrückt, die Überreste der Leiche herausgenommen und auf dem Friedhof zerstreut. Man vermutet, daß es sich um die Tat eines nicht normalen Menschen handelt. Die Nachforschungen nach dem Täter sind von der Staatsanwaltschaft aufgenommen worden. Louis Marshalls Zustand sehr ernst Zürich, 10. September. (JTA.) Nach einem heute von den Professoren Clairmont, Libman und Löffler ausgegebenen Bulletin muß der Gesundheitszustand Louis Marshalls, des Führers der amerikanischen Juden und Präsidenten des Council der Jewish Agency, der sich kurz nach der Agency-Tagung in Zürich einer schweren Operation unterziehen mußte und vor einigen Tagen ein zweitesmal operiert wurde, als sehr ernst bezeichnet worden. Der Patient wird künstlich, durch Ernährungsfistel, ernährt. Die zweite Operation war an sich gut gelungen und hatte auch gegen früher eine allgemeine Besserung herbeigeführt, aber der Kräftezustand Marshalls hat sich kurz nach der Operation weiter kritisch gestaltet. Louis Marshall ist 1856 in Syracuse in den Vereinigten Staaten geboren, ist also heute 73 Jahre alt. Palästinakundgebungen in München Die grauenhaften Ereignisse in Palästina haben die ganze Judenheit aufgewühlt, aber sie haben auch die ganze Judenheit fest zusammengeschmiedet; überall wo Juden in größerer Zahl leben, wurde in großen Versammlungen der Wille kundgegeben, das Aufbauwerk in Palästina im bisherigen friedlichen Sinn, aber auch unbeirrt von allen Angriffen und mit zäher Entschlossenheit weiterzuführen. Auch in München hat dieser Wille seinen mächtigen Ausdruck gefunden: Einer Einladung zu einer Palästinakundgebung für Dienstag, den 10. September, in den Museumssaal, waren etwa 8—900 Menschen gefolgt — für eine jüdische Versammlung eine in München unerhörte Zahl —, so daß neben der Veranstaltung in dem gedrängt vollen Museumssaal, in dem viele Menschen stehen mußten, noch eine weitere im ebenfalls voll besetzten Saale des Kunstgewerbehauses stattfinden mußte. Die Versammlung im Museumssaal wurde eröffnet und geleitet durch Herrn Oberstlandesgerichtsrat Dr. Alfred Neumeyer, der zunächst den Gefühlen des Schmerzes, die alle Juden angesichts der Vorfälle in Palästina bewegen, Ausdruck gab und dann das Wort Herrn Justizrat Dr. E. Straus erteilte. Dieser zeichnete in längeren und eingehenden Ausführungen die tragische Situation des Judentums, aus der heraus die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Palästinawerkes erwuchs; er gab eine Übersicht über die Entwicklung dieses Kolonisationswerkes und über seine rechtlichen Grundlagen und zeigte dann, wie es nur infolge der Untätigkeit oder des schlechten Willens der Palästinaverwaltung, die die Provokationen der Araber ungeahndet hinnahm, ja vielleicht noch verstärkte, zu dem Blutvergießen habe kommen können, an dem die Juden auch nach strengster Prüfung unschuldig seien. Das jüdische Werk des Friedens und des Aufbaues, entstanden aus innerer Notwendigkeit, begründet in der historischen Situation des jüdischen Volkes, müsse weitergehen und es werde weitergehen. Aber wir Juden müßten aus diesen Vorfällen gelernt haben, ernsthafter den Schwierigkeiten ins Auge zu sehen. Auch die Mandatarmacht müsse gelernt haben, und sie werde es mindestens nicht mehr wagen dürfen, das Land gänzlich von militärischem Schutz zu entblößen. Und die Araber werden lernen müssen, sich an Gesetz und Ordnung zu halten. Dann sei auch eine Wiederholung dieser Ereignisse nicht zu befürchten; um sie unmöglich zu machen, müsse man für eine schleunige und grundsätzliche Verbesserung unserer Position in Palästina sorgen. Zum Schlüsse drückte er seine zuversichtliche Hoffnung aus, daß man Palästina nicht im Stiche lassen werde und daß man nach diesen Tagen des Leids und des Schmerzes bald an die Wiederherstellung des Zerstörten und Vernichteten und an einen großzügigen Neuaufbau herangehen werde. Dr. Neumeyer dankte Herrn Dr. Straus für seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen und erteilte das Wort Frau Dr. Helene Hanna Thon (Jerusalem), die in einer eindringlichen, zu Herzen gehenden und ganz aus dem tiefen Gefühl der Palästinenserin geborenen Rede ein Gelöbnis für uns alle abgab, das Gelöbnis, unverdrossen und mit Hingabe weiterzuarbeiten an dem Aufbau Palästinas, der für das Judentum notwendig ist, aber auch für dieses Land und die Welt und weiterzuarbeiten in dem Geiste des Friedens und der Verbrüderung, im Geiste der jüdischen Mission des Ausgleichs zwischen Orient und Okzident. Nachdem Herr Dr. K a n o w i t z (Berlin) die Ausführungen seiner beiden Vorredner mit vielem Beifall noch ergänzt hatte (eine Wiedergabe seiner Rede findet sich im Bericht über die Versammlung im Kunstgewerbesaal), brachte Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neurneyer folgende Resolution zur Verlesung, die von der Versammlung einstimmig angenommen wurde: „Die am 10. September versammelten Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde München beklagen tief, was sich in den letzten Wochen in Palästina zugetragen hat. Sie beklagen die Opfer an Menschenleben und die Zerstörung von Werten, die in langjähriger friedlicher Arbeit geschaffen wurden. Sie sind empört, daß vom mühevollen Werk von Jahrzehnten vieles durch Totschlag und Raub vernichtet wurde. Sie erwarten, daß es der Mandatarmacht gelingen wird, unverzüglich für die Wiederkehr geordneter Verhältnisse im Lande Sorge zu tragen und daß es dann im friedlichen Zusammenarbeiten mit der gesamten Bevölkerung des Landes erreicht wird, das Zerstörte wieder herzustellen und das jüdische Aufbauwerk zu vollenden. Hieran nach besten Kräften mitzuwirken ist unser aller heilige Pflicht.“ Fortsetzung Seite 552.