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Das jüdische Echo · 1929-09-06 · 22 (6.9.1929) Der letzte Waldjude · p. Seite 84

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
22 (6.9.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-09-06
Page
Seite 84 (sequence 2)
Language
German
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84 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 Nr. 22 In der Tür stand ein kleiner, dürrer Jude mit geröteten Augen und einer dünnen Nase mit feuerroter Spitze; in einer Hand hielt er einen Wunschzettel, mit der anderen zupfte er an den paar Haaren, welche da und dort über seiner Lippe saßen, und zitterte am ganzen Leibe, „Willst du etwas?“ fragte der Rabbi. Das kleine Männchen brachte dem Rabbi den Wunschzettel, ging rückwärts bis zur Tür und blieb stehen. Ohne ihn zu öffnen, legte der Rabbi den Wunschzettel auf den Tisch und fragte: „Was willst du?“ „Rabbi,“ der Jude machte eine tiefe Verbeugung, wollte näher kommen, blieb aber bei der Tür stehen, „Rabbi... ich kann nicht mehr...“ „Was kannst du nicht?“ „Ich bin ein Schächter, ein Dorfschächter, Rabbi... Ich Schächte das Vieh bei den Juden auf den Dörfern, und wenn einmal ein Stück trejfe wird, so schlägt mich der Dorfjude ... Gestern habe ich bei dem Pächter Moische Stawisker einen Ochsen geschächtet, hier nicht weit von Kozk. Der Ochse ist in seinem Blut erstickt, da hat mich der Pächter so mörderisch geschlagen, daß ich mich kaum auf den Füßen halten kann ...“ Der Schächter verstummte, öffnete ein wenig den Mund und glotzte mit den feuchten, geröteten Augen stier umher, zog den Kopf zwischen die Schultern und stand hilflos da. Mordechai fiel es ein: So mußte der Schächter ausgesehen haben, als ihn der Pächter geschlagen hatte. „Was willst du also von mir?“ fragte der Rabbi. „Mein Schwiegervater“, begann der Schächter zu stottern, „ist Schächter in Lukow; er ist schon sehr alt und halb blind; er schächtet mit der Brille vor den Augen; er dürfte gar nicht mehr Schächten, aber er hat einen Haufen Kinder...“ „Was willst du also?“ Der Rabbi ließ ihn nicht zu Ende reden. „Du willst wohl, ich solle sein Schächten für ungesetzlich erklären und dich an seine Stelle setzen, was? Dein Schwiegervater, sagst du, ist blind, hat aber einen Haufen Kinder ... So, so ...“ Der Rabbi schüttelte den Kopf und blickte durchs Fenster. Er sah, daß das Dienstmädchen aus der Wohnung Dowidls trat und einen Kübel mit Abfällen in den Schnee goß. Krähen flogen herbei und stocherten im Schnee. Sie rissen und zupften mit ihren scharfen Schnäbeln an den Eingeweiden einer Henne, welche unter dem Abfall lagen, und erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei, das durch Mark und Bein ging. „Komm näher“ — der Rabbi winkte den Schächter heran — „siehst du die schwarzen Krähen, die sich um die Abfälle raufen und sich gegenseitig mit den Schnäbeln in die Augen fahren? Siehst du sie?“ „Ich s£he sie.“ „Weißt du, wer sie sind?“ Erschrocken wich der Schächter zurück und antwortete nicht. „Das sind verfluchte Seelen von Schächtern, hörst du? Verfluchte Seelen!...“ Der Schächter wankte mehr tot als lebendig hinaus. Mit gesenktem Kopfe blieb der Rabbi sitzen und murmelte in seinen Bart: „Er ist blind, man müßte ihm das Schächten verbieten? Solange ich lebe, nicht, solange ich lebe, nicht...“ In der Tür stand eine Frau mit einem Knaben. „Was wollt Ihr?“ „Heiliger Rabbi“ — die Frau beugte sich bis zur Erde, erhob sich wieder und stellte ihren bleichen Knaben, der einen weißen Leinwandanzug trug, vor den Rabbi hin — „von acht Kindern ist er allein übriggeblieben. Ein Kind der Tränen, aber auch er magert immer mehr ab, so wie die anderen, deren Jahre ihm zugerechnet werden mögen. Da bin ich gekommen, ein sündiges Weib, das nicht wert ist, die Schwelle des heiligen Rabbi zu betreten, daß der Rabbi ihn segne ...“ „Was wollen sie von mir?“ — der Rabbi wandte den Kopf zum Fenster — „Sie werden mich bald zu einem Gotte machen! Ich segne nicht! Ich weiß nicht, wie man segnet! Verstanden? Man kann es ihnen nicht aus dem Kopf schlagen! Solche Ochsen!“ „Heiliger Rabbi,“ hilflos brach die Frau in Tränen aus, „Rabbi, jagt mich nicht weg! Wenn Ihr es befehlt, so verteile ich mein ganzes Vermögen, ich will Gutes tun, damit nur...“ Bleich trat Reb Itsche aus dem nächsten Zimmer ein. Er beruhigte die Frau, segnete den kranken Knaben und führte beide langsam hinaus, mit leisen Trostworten. „Betet zu Gott, dann wird er Euch helfen! Ihr wollt den Armen geben? Gut! Sehr gut! Wohltun hilft!“ Verdrießlich blieb Rabbi Mendele sitzen und ließ einen älteren Mann mit weißen Stiefeln aus einem Stück Leder längere Zeit beim Eingänge stehen. Er sah ihn mit leeren Blicken an, dann rief er zornig: „Was gibt es schon wieder?“ Fortsetzung folgt.

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