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Das jüdische Echo · 1929-09-06 · 22 (6.9.1929) Der letzte Waldjude · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
22 (6.9.1929) Der letzte Waldjude
Date
1929-09-06
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS, DER LETZTE WALDJUDE VON J. OPATOSCHU Aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz 21. Fortsetzung Mehr als einmal hörte er das Flattern von Flügelchen, das Klopfen eines Herzchens ... Er brauchte nur die Finger schließen und es ist sein... Alles hätte er darum gegeben, jetzt bei ihr zu sein. Am Hofe erfuhr Mordechai, daß der Rabbi sich in den letzten Tagen sehr schwach fühlte, oft in Ohnmacht fiel, und daß das Volk schön einige Tage in großer Angst umherging. Die Bewachung des Rabbi hatte in der letzten Zeit fast ganz aufgehört und jedermann konnte leicht zu ihm gelangen. Reb Itsche freute sich, als er Mordechai wiedersah: „Wo warst du verschwunden? Riwkele hatte mich schon einige Male gefragt, ob du nicht, Gott bewahre, krank seiest, und der Rabbi hat sich auch nach dir erkundigt... Ich wollte schon jemanden zu dir schicken, um nachzusehen, was du treibst.. Mordechai antwortete nicht. Er folgte Reb Itsche; als er in das Vorzimmer kam, welches zum Rabbi führte, wunderte er sich, daß die frühere Ehrfurcht noch immer in ihm aufstieg. Der Rabbi empfing ihn lächelnd: „Dein Schwäher studiert wohl noch immer den ,Führer der Irrenden4 des Maimonides, was? Ein stumpfsinniger Mann, dein Schwäher! Nun, hat er dich schon in seine Weisheit eingeführt, dein Schwäher?... Und Itsche schweigt dazu, es geht ihn anscheinend nichts an, ,daß wer eine Seele in Israel verderben läßt, gleichsam eine ganze Welt verderben läßt4..“ Mordechai wußte nicht, ob der Rabbi es ernst meinte oder ob er über Reb Itsche spottete. Er blickte forschend auf des Rabbi wachsbleiches Gesicht, das nur wenig aus dem Haarwald herauslugte und mit den Haaren des Kopfes und den Schläfenlocken in eins zu verfließen schien. Reb Itsche ging ins Vorzimmer, wo Feiwisch der Schammes Wunschzettel schrieb. Mordechai wußte nicht, wps er anfangen sollte und stand mit gesenktem Blick an dem Tische des Rabbi. (Copyright 1929 by Dr. Präger, Pressedienst, Wien-Berlin „Nun beichte!44 — Der Rabbi setzte sich in seinem weißen Sessel bequem zurecht. „Denkst du gar nicht ans Studieren, im Auslande, meine ich?... Wenn man so einem Verwandten in die Hände fällt, dann ist es ja dessen erste Pflicht, eine jüdische Seele zu retten und sie ins Ausland studieren zu schikken! Und wenn du schon ausstudiert hast, was dann, ha? Meinst du, du würdest nicht dasitzen so wie ich, auf den Tod warten und fortwährend darüber nachdenken, ob man drüben mit Ruten geschlagen wird?.... Wie meinst du?44 Der Rabbi seufzte, fuhr sich langsam durch den Bart und sprach halb vor sich hin: „Gäbe es wenigstens die Gewißheit, daß man dort mit Ruten geschlagen wird, gäbe es wenigstens die Gewißheit.. Mordechai wurde verlegen, er wich dem Blicke des Rabbi aus und fühle sich nicht wohl, daß der Rabbi mit ihm wie mit seinesgleichen sprach. Er schaute durch das Fenster auf die verschneiten Felder, die sich jenseits des Wieprz bis zum Walde hinzogen und sah, wie die Krähen mit vorgestreckten Köpfen von den Bäumen niederschossen, leicht über den Schnee trippelten, in dem sie die Spuren ihrer Füße hinterließen, und böse ihre scharfen Schnäbel öffneten. Ihr Schreien krampfte ihm das Herz zusammen; die Frage der Vergeltung kam ihm in den Sinn und es war ihm nicht klar, wer recht hatte. Die Judenheit ist überzeugt, daß die Tore des Gan Eden schon offen stehen, und glaubt, das ganze Reich der Herrlichkeit warte ungeduldig auf die Minute, da Rabbi Mendeles Seele emporsteigen wird; und vor Mordechai saß ein zerbrochenes Männlein, das nicht sterben will, das aber keine Kraft mehr hat sich zu widersetzen und sich dazu bereitet, dem Todesengel sich zu ergeben. Aber eine Kleinigkeit will es wissen, eine ganze Kleinigkeit ... Wird man dort wenigstens mit Ruten geschlagen? Wer hat recht? Wer?

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