Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 29 (19.7.1929)
- Date
- 1929-07-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 29_ 19. Juli 16. Jahrgang Werdende Einheitsfront Unmittelbar nach dem Zionistenkongreß wird am 11. August in Zürich der Council der erweiterten Jewish Agency zum ersten Male zusammentreten. Nachfolgende jüdische Historiker werden dieses Datum ebenso wie das Datum des 1. Zionistenkongresses als den Anfang wichtiger entscheidender Abschnitte im Leben des jüdischen Volkes bewerten. Sie werden es tun können, weil sie von höherer Warte aus die Bedeutung des Zusammenschlusses wesentlicher Teile der jüdischen Gesamtheit werden abschätzen können. Den Zeitgenossen aber ist diese Bedeutung nicht in dem Maße inne, als sie es verdienen würde. Das gleiche erlebte unser Zeitalter ja auch beim Zusammentritt des 1. Zionistenkongresses. Auch damals verhielt sich der größte Teil der jüdischen Welt abwartend, ablehnend, staunend, keineswegs verständnisvoll. Heute ist wohl der Prozentsatz der Juden, der die Tagung der Jewish Agency beobachtet, größer als es der Prozentsatz war, der dem Zionistenkongreß Aufmerksamkeit schenkte. Immerhin stehen auch noch heute viele Juden abseits. Dieses Verhalten ist aus dem allgemeinen Gesetze der Trägheit zu erklären, das nicht nur in der Welt der physikalischen, sondern auch im Bereiche 'der soziologischen Erscheinungen gilt. Aber ebenso wie der Gedanke, der vom Zionistenkongreß der Welt verkündet wurde, sich allmählich im Bewußtsein nicht nur der Juden, sondern auch der gesamten gesitteten Menschheit festgesetzt hat, wird auch der Gedanke der Gesamtverantwortung aller Juden ohne Unterschied der Partei für den Aufbau Palästinas schließlich siegen. Denn was ist der Sinn der erweiterten Jewish Agency und ihres Instruments, des Council, der am 11. August erstmalig beraten wird? Dreierlei war das Verbindende der jüdischen Gemeinschaft als sie noch ihre Selbständigkeit hatte: Lehre, Sprache und Land. Nach der Vertreibung der Juden aus Palästina verblieben ihnen von diesen drei Elementen nur zwei, Lehre und Sprache. Der Begriff Land wurde zur Sehnsucht, aber war nicht Realität. Im Laufe der Jahrhunderte andauernden Zerstreuung wurde das zweite verbindende Element gelockert und geschwächt: die Sprache. Sie hörte auf, das selbstverständliche Verständigungsmittel der Juden in allen Lebensfragen zu sein und wurde hauptsächlich die Sprache der Lehre und jüdischen Wissenschaft, wenngleich bis auf unsere Tage für einen gewissen Teil der jüdischen Gemeinschaft das Hebräisch eine weit größere Bedeutung hatte denn nur als Ausdrucksmittel für jüdisch-religiöse Angelegenheiten. Im 19. Jahrhundert war das einzige von allen Juden der Welt ohne Protest von irgendeiner Seite anerkannte verbindende Element lediglich die jüdische Lehre. Dabei muß man sich klar sein, daß damit nicht gesagt ist, daß die jüdische Lehre tatsächlich das Bewußtsein aller Juden beherrschen würde. Weite Schichten der Judenheit begnügen sich mit einem platonischen Bekenntnis zur jüdischen Lehre. Kennzeichnend aber ist, daß man als Jude niemals auf den Gedanken kömmen kann, sich gegenüber der jüdischen Lehre in ausgesprochenen Deklarationen ablehnend zu verhalten oder die Gültigkeit der jüdischen Lehre für die jüdische Gesamtheit zu leugnen. Die jüdische Renaissancebewegung, insbesondere ihr konsequentester Ausdruck, die zionistische Anschauung, bemühte sich, die ehemals die Juden in der Welt einigenden Momente in ihrer alten Kraft wieder herzustellen. Neben die Lehre als dem wesentlichsten Bindeteil, sollten wiederum auch Sprache und Land treten. Dieses Bemühen bezog sich auf auf die jüdische Gesamtheit und meinte niemals irgendeinen Splitter des jüdischen Volkes oder die Schaffung irgendeiner Sekte innerhalb der Judenheit. Wenn nunmehr der Council der erweiterten Jewish Agency Zusammentritt, so wird die Tatsache dieses Zusammentretens Ausdruck davon geben, daß weite Teile der Judenheit, unbeschadet ihrer sonstigen Parteistellung, bereit sind anzuerkennen, daß außer der alle Juden der Welt verbindenden jüdischen Lehre ein zweites Element wiederum wirksam wird, das die Juden über Parteien und Richtungen hinaus verbindet: das Land. Die Frage des Palästina-Aufbaus, daß heißt die Frage der Errichtung einer Heimstätte für das jüdische Volk, wird dadurch hinausgehoben aus dem Aufgabenkreis einer Partei im Judentum und wird auf ein Piedestal gestellt, das hoch über allen sonstigen Verschiedenheiten der jüdischen Richtungen steht. Darin liegt die jüdisch-historische Bedeutung der Tatsache, daß Palästina, hoffentlich von nun an, im Gefühls- und Gedankenleben aller Juden wiederum jene Rolle spielen wird, die es immer gespielt und nur im Laufe der letzten 120 Jahre verloren hat. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Nicht lediglich als Symbol, sondern als Wirklichkeit, nicht nur als Deklaration, sondern als lebendige Tatsache. Was soll man in Anbetracht dieser großen Perspektiven dazu sagen, daß noch immer einzelne Splitter im jüdischen Volke unentwegt auf dem Standpunkt verharren, daß sie mit Palästina und Palästina-Aufbau nichts zu schaffen haben wollen? Soll man diese Splitter mit Spott überschütten, soll man sie wegen ihrer Blindheit verhöhnen? Oder soll man sich mit der Hoffnung trösten, daß auch sie auf die Dauer sich dem ehernen Verlauf der Entwicklung nicht werden entziehen können? In der Stunde, da auch in vielen Ländern, wie auch in Deutschland, die wirklich repräsentativen Vertreter des Judentums sich zusammengeschlossen haben, um ihren Willen nach Beteiligung am Palästina-Aufbau kundzugeben, seien die widerstrebenden Grüppchen einfach übergangen. Man wird von jenen Gruppen sagen können: Sie haben dem Ruhme und der Bedeutung des Palästinawerkes nicht gefehlt, wohl aber der befruchtende Geist des Wiederaufbaus in Palästina ihnen. Sicherlich ist in dem Zusammentreten des Councils der erweiterten Jewish Agency das große Werk des Palästina-Aufbaus, die Konstituierung Palästinas als verbindenden Elements für alle Ju-