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Das jüdische Echo · 1929-05-24 · 21 (24.5.1929) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
16 (1929)
Issue
21 (24.5.1929)
Date
1929-05-24
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das jüdische Echo Nummer 21 24. Mai 16. Jahrgang Rom und Jerusalem Zum Friedensschluß zwischen Italien und dem Vatikan Von Ludwig Bato Nach dem Abschluß des Konkordats zwischen Italien und der päpstlichen Kurie, das, im Zusammenhänge mit der Wiederherstellung des Kirchenstaates und der vollständigen Kursänderung in der bisherigen freiheitlichen Politik des Königreiches, als ein großer Sieg der klerikalen Kreise gewertet wird, herrscht im Kreise der italienischen Judenheit eine stark pessimistische Stimmung vor. Dieser Pessimismus ist leicht verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß das vereinigte Italien, an dessen Erkämpfung sich die Juden mit Blut und Geist beteiligt hatten, für sie vom ersten Tage an bis zum Ende des Weltkrieges ein Hort der Freiheit war. Mit der kirchenfreundlichen Haltung des Faschismus hat nun die italienische Politik, die bis zu diesem Zeitpunkte mit Fug und Recht im guten Sinne des Wortes als liberal bezeichnet werden konnte, eine ganz neue innere Richtung eingeschlagen, die zunächst in der grundlegenden Änderung des früher gänzlich säkularisierten Schulwesens zum Ausdruck kam. Der Volksschulunterricht wurde nämlich auf rein katholische Grundlagen gestellt, so daß er in allen Gegenständen ein ausgesprochen christliches Gepräge erhielt, wobei allen Schülern die Verpflichtung auferlegt wurde, den katholischen Religionsunterricht anzuhören. Es bedurfte des Einschreitens des jüdischen Gemeindebundes, um zu erwirken, daß die jüdischen Schüler auf Ansuchen von der Teilnahme an der christlichen Religionsstunde befreit werden konnten. Damit war aber die Sache natürlich nicht erledigt, denn plötzlich empfanden die jüdischen Eltern das Unerquickliche der Lage: sie mußten ihre Kinder in Schulen schicken, wo sie im Geiste des ihnen fremd'en Katholizismus unterwiesen wurden. Dieser Stimmung machte der inzwischen verstorbene Professor Polacco, früher Rektor der Universität Rom und Erzieher des Kronprinzen, Luft, indem er in einer großangelegten Rede im Senat, von dem den Juden angetanen Unrecht ausgehend', die Errichtung von eigenen jüdischen Schulen auf Staatskosten forderte. Dieser Wunsch ging natürlich nicht in Erfüllung, und so sahen sich die größeren jüdischen Gemeinden genötigt, zur Selbsthilfe zu greifen. Früher bestandene jüdische Gemeindeschulen wurden ausgebaut, neue ins Leben gerufen, und sie weisen allesamt eine gute Frequenz auf. Nicht uninteressant ist es, daß beispielsweise die jüdischen Gemeinden in Turin und Mailand große Autobusse haben, mit denen die entfernt wohnenden Schulkinder in der Frühe abgeholt und Nachmittag aus der Schule wieder nach Haus gebracht werden. Jüdische Kinder, die die staatlichen Volksschulen besuchen, erhalten auf Wunsch jüdischen Religionsunterricht. Nun hat die Regierung jetzt eine eigene Kommission in Rom ernannt, die sich mit der Frage des jüdischen Religionsunterrichtes befassen soll. Derselben Kommission obliegt auch die Schaffung eines einheitlichen Gesetzes über die jüdischen Gemeinden, das die in den verschiedenen Teilen des Königreiches bestehenden, ganz auseinandergehenden gesetzlichen Grundlagen für die Gemeinden — in Venetien gelten zum Beispiel noch die österreichischen und in Piemont die sardischen Gesetze — ersetzen soll. Diese Kommission hat ferner den Auftrag erhalten, auch die Frage des jüdischen Ehegesetzes zu studieren. Es ist nur wenig bekannt, daß trotz der obligaten Zivilehe, die übrigens jetzt für die Katholiken fakultativ geworden ist, das auf dem kanonischen Recht fußende italienische Ehegesetz die Unlösbarkeit der Ehe auch für die Juden vorsieht. ❖ * Seit achtundsechzig Jahren besteht das italienische Königreich, und während dieser Zeit haben die Juden in Italien die höchsten staatlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stufen erklommen. Es ist leicht erklärlich, daß die jüdische Gemeinschaft angesichts der Abkehr Italiens von seinen bisherigen Grundsätzen, der Zukunft mit Besorgnis entgegensieht und die Befürchtung hegt, daß durch das Überhandnehmen der vom Staate geförderten klerikalen Richtung, die in Italien — im Gegensätze zu vielen anderen Staaten — eine ausgesprochene antisemitische Tendenz hat, die Juden aus ihren Positionen vollständig verdrängt werden, eine Befürchtung, die leider durchaus nicht unbegründet erscheint. Zur Steuer der Wahrheit soll nicht unerwähnt bleiben, daß gerade in Rückwirkung auf die katholisierende Tendenz der Regierung ein regeres jüdisches Leben in Italien zu beobachten ist, und daß infolge der letzten Ereignisse Juden zum Judentum zurückfanden, die ihm bisher vollständig teilnahmslos gegenüberstanden. Anderseits ist es zu bedauern, daß das einzige jüdische Wochenblatt Italiens, „Israele“, das in den letzten Jahren in Turin erschien, eingegangen ist. * * * Aber viel schwerwiegender für die Gesamtjudenheit ist die Neuerrichtung des Kirchenstaates in seiner Rückwirkung auf Palästina. Der durch die italienische Geldentschädigung finanziell und durch den Friedensschluß mit Italien auch politisch ungemein erstarkte Vatikan wird zweifelsohne mit aller Zähigkeit und Zielbewußtheit daran gehen, seine Position in Palästina auszubauen. Die päpstliche Kurie kann hierbei auf die unbedingte Mithilfe Italiens rechnen, den abgesehen davon, daß der Katholizismus im Heiligen Lande hauptsächlich durch Priester italienischer Nationalität ver-

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