Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 7 (17.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-17
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Romanbeüage des „Jüdischen Echos' Nr. 7 geschlossenen Augen daliegen; zugleich aber fühlte er, wie sich seine Augenlider aneinanderklebten und alles ringsum verschwamm. Sieh da, sieh da! Das Dach öffnet sich, das ist der Thron der Herrlichkeit — wer sitzt dort? Ein blauer Streifen zieht herüber und hüllt mich ,ein, Seraphim bewegen feurige Flügel und rufen einer dem anderen zu: „Heilig, heilig, heilig!“ Von dem Rufe erbeben die Bäume, sie wanken, sie fallen, sie brennen, dichter Rauch umhüllt mich, ersticke mich — was ist das? Eine Hand? Wie groß sie ist — Vater — Gott! Die Hand hält eine feurige Kugel, sie legt sich auf mich wie ein glühender Berg, oh meine Lippen! — ich höre eine Stimme: „Feuer reinigt von Sünde — Feuer reinigt von Sünde ...“ Was blaut dort so? Ein blauer Wald! Wer geht dort? Sieh nur, wie sein Bart flammt! Wen führt er? Wen? — Rachel? Ihr Vater hat sie doch beim Zopf heimgeschleppt. Ja, ja, wahrhaftig, es ist Rachel, sie lächelt mich an, und wer geht dort? — Ach, das ist ja Reb Itsche! Gut, gut, Mordechai, ich brauche dich gerade, komm, Moschiach wartet auf uns — er führt deine Braut — wie heißt es doch: „Gekommen ist die Zeit, da der Mann seine Braut nimmt...“ Rabbi, wo ist Moschiach? Dort steht er, mit dem feurigen Barte, mit den Hörnern... Und ich meinte, Moschiach habe einen schwarzen Bart... Ja, mein Sohn, du hast recht, Moschiach, der Sohn Davids, hat einen schwarzen Bart, aber das ist Moschiach, der Sohn Josefs... Mordechai ging neben Reb Itsche her; er fühlte etwas in sich aufflammen und glühend sich etwas einfressen in sein Blut und erbebte vor großer Freude. Plötzlich fiel ihm ein, daß Moschiach, der Sohn Josefs, nach der Schrift umkommen müsse; da ergriff ihn großes Mitleid und er brach in Tränen aus. Warum weinst du? Ein Jude soll immer fröhlich sein, und überdies gehst du doch, um deine Braut zu treffen! Ich bin sündig, Rabbi, wie kann ich vor Moschiach treten? Lege die Schuhe ab! Mordechai sah auf seine nackten Füße und verstand nicht, was Reb Itsche von ihm wollte; dann entfuhr es ihm: Ich bin ja barfuß. Wenn du dessen sicher bist, so komm! Mordechai weinte noch lauter: Ich habe gestern einen Juden geschlagen, ich habe auch meinen eigenen Vater schlagen wollen, ich bin sündig... Fürchte dich nicht. Mordechai. E r ist lauter Erbarmen, komm, deine Braut harret dein! Wie heißt es doch: „Siehe, ich sende euch den Propheten Elijahu und er wird der Väter Herz zu den Kindern bekehren...“ Und was wird mit Moschiach, dem Sohne Josefs, geschehen? Er wird umkommen. Mordechai fühlte tiefes Weh, breitete die Hände aus und schluchzte: Rabbi! — Rabbi... Tränen reinigen von Sünde — Tränen reinigen von Sünde ... antwortete es. Verwirrt fuhr Mordechai auf und blieb auf dem Heu sitzen. Alles war in Grau gehüllt wie vorhin. Er hätte geschworen, er habe nicht geschlafen, sondern nur einen Augenblick die Augen geschlossen; dabei aber war er überzeugt, daß etwas geschehen war und wollte sich unbedingt erinnern, was er geträumt hatte. Mordechai fühlte, daß das letzte Wort des Traumes ihm auf der Zunge lag; er konnte es beinahe greifen; er war überzeugt, wenn er sich des letzten Wortes erinnerte, würde sich ihm der ganze Traum entfalten, und er saß und dachte über die Worte nach, aber wie zum Trotz kam ihm das richtige Wort nicht auf die Zunge. Ärgerlich spie Mordechai aus und sah sich um. Er merkte, daß es bei Nacht geregnet hatte. Er suchte etwas, um sich damit zu waschen, doch er fand nichts und stürmte davon, so wie er war — zum Pächter! Mitten auf dem Wege erinnerte sich Mordechai, daß ihn der Vater vor Rachel geschlagen hatte und es ward ihm übel zumute. Es war ihm, als liefe er nicht aus eigenen Stücken, sondern es hätte ihn jemand eingespannt, sitzt hinter ihm, und er, Mordechai, zieht ihn und springt wie ein Füllen über Stämme und über Gruben. Da fühlte er mit einem Male einen heftigen Schmerz, und mit jedem Schritte, den er zum Hause des Pächters näher kam, wurde der Schmerz stärker. Am Abhang beim Brunnen blieb Mordechai stehen. Er besah seine mit Beulen bedeckten nackte Füße und schämte sich, so bei Rachel einzutreten; aber er konnte sich nicht helfen; so wusch er sorgsam seine Füße und bat Gott, der Pächter möge schon mit der Milch in die Stadt gefahren sein. Die Kühe brüllten in den Ställen — es zog sie auf die Weide. (Fortsetzung folgt)