Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 19 (10.5.1929)
- Date
- 1929-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 19 10. Mai 16. Jahrgang Das jüdische Flüchtlingsproblem nach dem Weltkriege Von Dr. Werner Senator, Generalsekretär des American Joint Distribution Committee, Berlin Referat auf der Mitgliederversammlung der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge Gestatten Sie mir zunächst, meinen Dank und die Befriedigung dafür auszusprechen, daß es mir möglich ist, im Rahmen einer Organisation, der ich im Beginn meiner Tätigkeit angehört habe, und im Kreise so vieler Freunde, denen ich seit Jahren verbunden bin, und mit denen ich meine ostjüdische Arbeit begonnen habe, zu sprechen. Das mir gestellte Thema „Das jüdische Flüchtlingsproblem nach dem Weltkriege“ ist zu umfangreich, als daß ich das ganze Problem heute erschöpfend behandeln könnte. Es handelt sich ja nicht lediglich um ein Flüchtlingsproblem, sondern auch um das der Repatrianten, und der Umfang dieses Problems ist ein ungeheurer. Sie wissen alle von der großen jüdischen Wanderung der achtziger Jahre nach Amerika, doch diese hat sich im Laufe eines Menschenalters vollzogen. Die Wanderung hingegen, die sich mit dem Wort „Flüchtlingswanderung“ bezeichnen läßt, hat eine Million Menschen umfaßt, die im Laufe von nur sechs bis acht Jahren gewandert sind, und zwar teilweise hin und zurück. Dieses Flüchtlingsproblem begann kurz nach Kriegsausbruch mit der bekannten Massenevakuation in Westpolen durch die Armeen des Zaren, der die jüdischen Massen in ihrer Gesamtheit als verdächtig evakuieren und nach dem Inneren Rußlands bringen ließ, wo einzelne Gouvernements Schwierigkeiten machten, sie aufzunehmen, da ja offiziell der „Ansiedlungsrayon“ noch bestand. Das war die erste große Tatsache, die zu einer Flüchtlingswanderung als Massenerscheinung führte. Als der Krieg mit Rußland beendet war, begann die Zeit der Pogrome. Ich möchte Sie auf das erschütternde Dokument dieser Zeit aufmerksam machen, das der Bericht des Schwarzbard-Komitees über die. ukrainischen Pogrome gibt. Sie waren ein weiterer Grund für die Flüchtlingswanderung. Mit der Stabilisierung der Sowjet-Herrschaft begann für die Juden eine neue Periode des Elends. Es setzte eine Massenflucht aus Sowjet-Rußland ein, das keine Existenzmöglichkeit mehr für große Teile der jüdischen Bevölkerung infolge ihrer ökonomischen Schichtung bieten konnte. Hinzu kamen die politischen Flüchtlinge, die in Scharen Rußland verließen. Und als viertes Moment müssen wir die allgemeine Wanderung ansehen. Vor dem Kriege sind jährlich über 100 000 Juden aus dem Gebiete des ehemaligen Rußlands ausgewandert. Diese Wanderung hat infolge des Krieges gestockt, und nach seiner Beendigung suchten diese Massen, deren Verwandte zum Teil schon längst in Amerika weilten, den Weg über den Ozean. Ich darf nochmals die Momente der Wanderung zusammenfassen: 1. Evakuation und Repatriation, 2. Pogrome, 3. Flucht aus Sowjet-Rußland, 4. die allgemeine Wanderung. Sie bilden das Zentrum, um das sich die Frage des jüdischen Flüchtlingsproblems konzentriert. Ich habe im Arbeiterfürsorgeamt in Deutschland begonnen, dieses Flüchtlingsproblem zu studieren. Nicht nur Flüchtlinge aus Rußland kamen nach Deutschland, sondern aus allen Ländern, in denen eine neue Elendsperiode für' die Juden anbrach. Speziell z. B. nach dem Lemberger Pogrom kamen viele tausend Polen nach Deutschland. Auch die Verfolgungen in Ungarn haben zu einer vermehrten Auswanderung geführt. Später habe ich dann in Polen Gelegenheit gehabt, die jüdischen Wanderer zu sehen, speziell die jüdischen Repatrianten, die in den Quarantänelagern von der polnischen Regierung aufgenommen waren. Auch in Südrußland und in Konstantinopel hatte ich Gelegenheit, die Menschen und die Tatsachen näher zu betrachten. Bei anderer Gelegenheit sah ich das Problem in den Häfen: Danzig, Riga, wiederum in Konstantinopel. Dies geschah in den Jahren 20/21 bis 25/26; die letzten Reste dieser Flüchtlingsmassen finden wir heute noch in Bessarabien und in einigen Hafenorten. Ich möchte Ihnen nunmehr ein paar Worte über die politische Frage dieser Wanderung sagen. Sie zerfällt in zwei Teile: 1. handelte es sich um die Stellungnahme der Regierungen der Länder, durch die die Flüchtigen hindurchgingen, und 2. um die Stellungnahme der eigentlichen Immigrationsländer. Beide politischen Fragen hängen eng zusammen. In der ersten Zeit, als die Verhältnisse in Europa noch ziemlich chaotisch waren, haben die Regierungen der Länder, die später sehr scharfe Maßnahmen gegen die jüdischen Flüchtlinge ergriffen haben — wie Rumänien und Polen —, eine verhältnismäßig wohlwollende Haltung eingenommen. Immerhin waren sie damals bereit, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Aus Erzählungen vieler einzelner Flüchtlinge sind die traurigen und erschütternden Einzelheiten dieser Flucht aus Rußland bekannt geworden. Wir können uns schwer ein Bild von dem Zustand machen, in dem damals Tausende von Juden über die russischen Grenzen kamen. Beim Übergang über den Zbrucz, dem Grenzfluß zwischen Galizien und der Ukraine, den Dnjestr. der Grenze zwischen Bessarabien und Sowjet- Rußland, ist damals viel jüdisches Blut geflossen. Ich erinnere Sie an die Aufsätze von Koigen im „Juden“ über die Flucht der jüdischen Intelligenz aus Rußland, in denen er die unsäglichen Mühen, Entbehrungen und Qualen der jüdischen Intellektuellen auf ihrer Flucht schildert. Aber man muß objektiv zugeben, daß im allgemeinen in den ersten Jahren die politische Einstellung der Regierungen dieser Länder eine erträgliche war. Natürlich haben dazu die Einwirkungen des Westjudentums, vor allem auch des amerikanischen, beigetragen. Das- Westjudentum hat durch seine großen Organisationen wie Joint, Ica, Joint-