Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 5 (3.5.1929) Der letzte Waldjude
- Date
- 1929-05-03
- Page
- Seite 18 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 5 dort alle oberen Engel, die ewig über die Zerstörung weinen. Dann kommt er von dort heraus, gekrönt, gekleidet in alle Rüstungen von unten und oben und viele heilige Armeen um ihn. Die ganze Welt wird ein Licht sehen, das vom Himmel bis zur Erde reicht. Sieben Tage wird es stehen und die ganze Welt wird erschrecken und hilflos sein und niemand, außer den Weisen, welche die Geheimnisse kennen, wird wissen, was das bedeutet. Die ganzen sieben Tage lang wird er auch auf der Erde gekrönt werden in dem »Vogelnest4 — an Rachels Grab. Am Scheidewege steht sie. Er bringt ihr die Botschaft und tröstet sie und sie wird getröstet. Sie erhebt sich und küßt ihn. Dann schwindet das Licht von dort und bleibt stehen über der Palmenstadt Jericho. Zwölf Monate lang wird er verborgen sein im Licht des »Vogelnestes4. Dann wird er das Licht zwischen Himmel und Erde hängen und wird in Galiläa ruhen; dort wird er hervortreten aus dem Lichte des »Vogelnestes4 und zurück an seinen Ort gehen. An diesem Tage wird wieder die ganze Erde erbeben von einem Ende des Himmels bis zum zweiten und die ganze Welt wird erkennen: Moschiach ist gekommen. Glücklich, der in dieser Zeit sein wird und glücklich, der in dieser Zeit nicht sein wird.. .‘4 Mordechai schaute auf Reb Itsche und meinte, dessen Seele sei entrückt. Durch das offene Fenster sah er ein Stück des Waldes in Flammen — die Sonne ging unter. Beim Stall putzte der Heger sein Pferd. Sein vierzehnjähriger Junge, Wacek, saß barfuß auf der Erde, hielt den Hund Filut bei den Ohren und neckte ihn, indem er einen Stein warf. Der Hund riß sich los, in seinem Eifer rannte er über den Stein weg, dann faßte er ihn mit lautem Bellen und trabte unzufrieden zu seinem Herrn zurück. Mordechai schaute auf den Heger und auf Wacek und bedauerte sie; sie wußten gar nichts und lebten wie die Tiere; und da hinter der Wand sitzt Reb Itsche, der Welten baut und zerstört. Reb Itsche schloß das Buch, und als er Mordechai bemerkte, sagte er freundlich: „Gut, daß du gekommen bist, Mordechai.44 Mordechai sah zu, wie Reb Itsche aufstand, den Rock anzog, sich die Hände rieb und heiter durchs Zimmer schritt; sofort wurde ihm wohl zumute und er wollte anfangen zu beichten. Er stammelte, wurde rot und kam in seiner Erzählung nicht vorwärts; da begann er von neuem, verwirrte sich aber noch mehr, und schließlich sagte er in ein paar Worten Reb Itsche, wie es mit ihm und Rachel stand. Mordechai merkte, daß ihn Reb Itsche, solange er sprach, nicht ansah, damit er nicht den Faden verliere; dafür gewann er ihn noch mehr lieb. Reb Itsche hörte bis zu Ende zu, dann blieb er stehen und begann zu sprechen, als setze er ein abgebrochenes Gespräch fort: „Das bedeutet, daß du die erste Stufe erreicht hast — andere kommen auch so weit nicht — gut! Gut! Wisse, ein ehrlicher Jude muß sich der Herrschaft des Zaddik ergeben mit Leib und Seele, denn der Zaddik vereinigt in sich Weisheit, Gnade, Liebe — was sage ich? Er vereinigt in sich alle Sefiroth, er hat nicht um das Herz die Kammer des Samael, die linke Kammer, in der das Böse Macht hat. Denn wisse, jeder Mensch hat auf beiden Seiten des Herzens zwei Kammern. Die rechte enthält bloß Geistiges, die linke aber ist« mit Blut gefüllt, dort sitzt das Böse und führt den Menschen vom rechten Wege fort.44 Nachdenklich durchmaß Reb Itsche einige Male das Zimmer und kaute an seinem schwarzen dichten Barte; dann blieb er wieder stehen. „Denn wisse, je mehr du dich des Irdischen entkleidest und dich der Herrschaft des Zaddiks ergibst — das bedeutet, dem Zaddik deinen Willen, deine Seele übergibst —, wird Dein Wille, deine Seele halbpart dem Willen des Zaddiks und seiner Seele, die voll von Liebe sind; Liebe, mußt du wissen, ist das Herz der Welt, die Liebe hat Stufen, die niedrigste ist die Liebe von Amnon und Tamar. Eine Stufe in sich unterdrücken, wäre es auch die niedrigste, darf man auch nicht — man muß alle Stufen durchschreiten, und wenn du in dir alle Stufen vereinigst, wirst du nie ein Diener des bösen Triebes werden. Dann wird, du verstehst, die Kammer Samaels in dir immer kleiner, das Blut vertrocknet, das Böse verschwindet und du selbst steigst immer weiter, unaufhörlich von der niedrigeren Stufe bis zur höheren, bis du in dir den ewigen Willen, deine eigene Seele fühlst, imstande bist zu begreifen, was ein Zaddik ist; da fühlst du ein Feuer in allen deinen Gliedern und willst es löschen mit einem Worte des Zaddik, mit einem Blick von ihm.44 Reb Itsche verstummte, schritt durch das Zimmer, kaute an seinem Schnurrbart und runzelte die Stirne, als disputierte er mit sich selbst. Fortsetzung folgt.