Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- Seite 237 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Das Jüdische Echo 237 in Nischni Nowgorod hatte ich einst vor 22 Jahren eine Begegnung mit einem jüdischen Gentleman von jener Sorte, die wir damals mit dem Schimpfwort „Assimilant“ zu bezeichnen pflegten. Ich sprach zu ihm über Zionismus. Und er lachte höflich — so höflich, daß ich mir bewußt wurde: hier bemühst du dich vergeblich... Das Auto aber saust weiter und mit geschlossenen Augen seh’ ich anderes Bild: Naschar, die Zementfabrik in Haifa. Die da ist keine Fabrik en miniature wie jene Weberei im chassidischen Dorf. Es dauert zwei Stunden, bis der Chefingenieur mir alle Einrichtungen gezeigt hat, bis wir die unzähligen Eisentreppen hinaufsteigen, die zu unzähligen Etagen hinaufführen, und ich zu begreifen beginne, wieviel Höllenläuterungen ein Sack gewöhnlichen Sandes mit einem Eimer Wasser durchmachen muß, um zu Zement zu werden. Und hier erblicke ich wieder jenen jüdischen Gentleman aus Nischni Nowgorod. Er sitzt mit mir auf der Terrasse eines jüdischen Hotels in Haifa und sagt: „So, Sie haben heute meine Zementfabrik besucht,“ aber auf seinen Lippen macht sich schon jenes Lächeln für den Fall bereit, daß ich wieder über Zionismus reden werde. Es sind schon fünf Jahre, daß er mit unserem Zement zärtlich tut. Nur vom Zionismus dürft ihr ihm nicht sprechen. Denn er wird euch mit jenem höflichen Lächeln antworten. In die Jewish Agency würde ich ihn nicht hinein'lassen, weil ich nicht will, daß Mr. Amery sein Lächeln erblickt. Aber es ist wert, nach Tel-Awiw zu Pessach zu kommen, um zu sehen, wie ein so skeptischer Jude den Aufbau des Landes zementiert. Ich könnte auch von den anderen Gebieten erzählen, von Ruthenberg, von der Schokolade, von Leder und Schuhen. Die Erez-Israel-Industrie ist .eine Kette von Poemen. III. Eine ganz merkwürdige Sache werden wir diesmal erleben: die Beziehung der Regierung zur Ausstellung. Bewahre, nicht etwa so, wie sich die Regierung sonst zu jüdischen Initiativen gestellt hat. Diesmal hat sie beschlossen, staatsmännische Weisheit und Kultur an den Tag zu legen. Alle Departements haben den Befehl erhalten, die Ausstellung zu unterstützen. Selbst das Eisenbahndepartement, das seine Reputation als Festung ernster und bitterer Obstruktion gegen die jüdische Entwicklung im Lande verdient, ist gezwungen, Fahrtbegünstigungen für die Reisenden zur Tel-Awiw-Ausstellung zu gewähren; auch das Zolldepartement, das sonst im gleichen Stil arbeitete, hat versprochen, die ausländischen Aussteller nicht so zu behandeln wie beispielsweise die Herzl-Möbel, sondern ihre Waren zollfrei einzulassen. Mehr noch, die Regierung bemüht sich, englische und ägyptische Firmen als Aussteller heranzuziehen, und das Ministerium für Außenhandel in London hat einen entsprechenden Aufruf erlassen. Für dieses Entgegenkommen wird der Jischuw wahrscheinlich teuer zahlen müssen. Die hiesige Regierung verlangt Wucherzinsen für jedes Entgegenkommen, für jeden Dienst, den sie dem Jischuw erweist. Für die paar Wege, die sie bauen ließ, um unseren Arbeitslosen zu helfen, haben wir mit der Sistierung der Einwanderung bezahlt; für die Hilfe für Tel-Awiw mit dem Verlust der Autonomie der ersten jüdischen Stadt. Aber mit der Ausstellung selbst hat das nichts zu tun. Die Kooperation zwischen Regierung und Jischuw ist eine solche Seltenheit, daß man sich sie ansehen muß. IV. Das schönste und beste der Ausstellung wird sein: Tel-Awiw. Tel-Awiw ist ein kleines Städtchen, aber selbst für ein solches noch nicht ganz ausgebaut. Doch ich kenne keine Stadt, die so gemütlich, so sympathisch, so intim wäre. Tel-Awiw rührt das Herz. Ich bin sicher, daß selbst ein Mensch, der sehr wenig von ihrer Geschichte weiß, die Liebe, die Hoffnung, die unzähligen Stücke von Leben und Seele darinnen an jedem Straßeneck fühlen wird. Selbst Fremde spüren es.. Ich erinnere mich an das Wort eines sehr skeptischen Italieners: „Das einzige, das mir bei euch imponiert, ist Tel-Awiw. Für Amerika mag das nichts Besonderes sein, ein Städtchen mit 40 000 Einwohnern, das in 20 Jahren geschaffen wurde, feingerechnet der sechs Jahre Kriegswirrwarrs. Aber für uns Europäer ist dies eine unerhörte Leistung.“ Dieses Gefühl wird ein Jude in noch stärkerem Maße haben. Auf dem Heimweg ins Hotel, in einer Mondnacht, durch die reinen geraden Gassen — einige von ihnen still, andere rauschend von jungem Leben, ist es doch das Paradies der Jugend und der Kinder — wird er plötzlich halt machen und wie ein Erwachender fragen: wo bin ich?, und eine sonderbare Minute durchleben, als wäre es ein Traum, eine erzählte Sache, keine Wirklichkeit! Wer nur kann, komme nach Tel-Awiw, die Ausstellung sehen! Gemeinden-u. Vereins-Echo Zionistische Ortsgruppe München. Montag, den 8. April 1929, fand die ordentliche Generalversammlung der Zionistischen Ortsgruppe statt. Vor Eintritt in die Tagesordnung hielt Herr Dr. Emrich ein sehr interessantes Referat über „Zionistische Politik und zionistische Arbeit“, in dem er alle wesentlichen Fragen der ‘ jüdischen Gegenwart kurz behandelte. Herr Justin Lichtenauer als 1. Vorsitzender erstattet hierauf Bericht über die Arbeit im abgelaufenen Geschäftsjahr und wies besonders auf die günstigen Erfolge vor allem im Zusammenhang mit der Wedgwood-Aktion hin. Den Kassenbericht erstattete in Abwesenheit des Herrn Schachno Herr Landmann; den Bericht über den Keren Hajessod Herr Lustig; über den Keren Kajemeth Herr Feder; über die Schekelaktion Herr Harburger; über die Hebräische Sprachschule und das Palästina-Amt Herr Grünbaum. In Abwesenheit des Herrn Justizrats Dr. Straus gab Herr Dr. Julius Siegel einen kurzen Gemeindebericht. Nach vorgenommener Entlastung des Vorstandes wurde zur Neubesetzung der Ämter geschritten. Die Wahlen ergaben folgendes Resultat: Ehrenvorsitzender: Justizrat Dr. E. Straus, 1. Vorsitzender: Justin Lichtenauer, 2. Vorsitzender: Justizrat Dr. E. Fränkel, Kassier: Gottfried Hirsch, Schriftführer: Dr. J. Emrich, Keren - Hajessod- Kommission: Leitung: Bernhard Lustig; weitere Mitglieder: Justin Lichtenauer, Dr. Albert Weihl, Paul Grünbaum, Gottfried Hirsch, Dr. Berthold Weiß; Palästina-Amt: Paul Grünbaum; Nationalfonds-Kommission: Frau Selma Eisen, Dr. Josef Schäler, Frau Meta Harburger, Max Feder; Vertreter der einzelnen Organisationen: David Horn und Jakob Kluger (Gesamtausschuß der Ostjuden), Dr. Robert Beer (KJV.), Dr. Leopold Ber-