Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- Seite 221 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 Das Jüdische Echo 221 Gemeindenu. Vereins-Echo Neuhebräische Literatur Im Rahmen der Lehrkurse der Israelitischen Kultusgemeinde hielt Herr Dr. Max Mayer am Mittwoch, dem 27., und Donnerstag, dem 28. März, zwei außerordentlich interessante und instruktive Vorträge über „Neuhebräische Literatur“. Herr Dr. Mayer - berichtete zunächst von ihrem Ursprung, der merkwürdigerweise in Italien vor sich ging; am Beispiel Mosche Chajim Luzzattos zeigte er die Voraussetzungen und die Wirkungen, die Problemstellung und den Stil dieser durchaus vom Zeitgeist abhängigen, aber doch von jüdischem Wesen gestalteten Literatur. Als bestimmende Tendenzen der in der nächsten Periode in Deutschland durch Mendelssohn und den jünglinghaften Kreis der „Meassfim“ geschaffenen Dichtungen zeigte Herr Dr. Mayer auf die der allgemeinen Aufklärung, der Wiederbelebung des Hebräischen und des jüdischen Nachweises der Befähigung zur Gleichberechtigung. Nach einer kurzen Analyse der Persönlichkeit und des Werkes des Mystikers Schmuei David Luzzatto, der in Italien und Holland lebte, ging Dr. Mayer dann zur Darstellung der hebräischen Literatur im Osten über, wo sie .bekanntlich erst die richtigen Vorbedingungen zu ihrer Originalität und breiteren Entfaltung gefunden hat. Er schilderte die gesellschaftskritische, satirische, wesentlich an Erziehungsfragen interessierte Literatur der „Haskalah“, repräsentiert etwa durch Isaak Erter, die romantische Welle, die ihr vorausgegangen war und in Abraham Mapu ihren stärksten Ausdruck gefunden hatte und schließlich ihren Übergang zur neuesten Epoche der neuhebräischen Literatur der „Safruth Hatechijah“ in Mendele Mocher Sfarim. Diese neueste Epoche charakterisierte er an ihren Grunderlebnissen: dem in mancher Beziehung merkwürdigen und zunächst nur künstlichen Naturerlebnis, dem nicht minder merkwürdigen, soziologisch außerordentlich aufschlußreichen Liebeserlebnis, dem Erlebnis der Romantik und Schönheit des jüdischen Gegenwartsdaseins und dem erschütternden und zentralen Erlebnis des Pogroms, sowie an ihren Hauptgestalten David Frischmann, J. L. Perez, Perez Smolenskin, Achad Haam, Ch. N. Bialik, Saul Tschernichowski und Salman Schneur. Der Redner erntete für seine mit großer Eindringlichkeit und seltener Begeisterungsfähigkeit vorgetragenen Ausführungen den dankbaren Beifall einer zwar nicht sehr großen, dafür aber um so aufmerksameren Zuhörerschaft. Jiddisches Theater in München Purimabend des Jüdischen Kulturvereins J. L. Perez Noch ist uns der Theaterabend, mit dem vor wenigen Monaten der Perez-Verein zum erstenmal vor ein größeres Publikum trat, in bester Erinnerung, da überrascht man uns schon mit etwas Neuem — mit einem Purimabend — der den überaus zahlreich Erschienenen (mehr als 300) einen wirklichen Genuß bot. Das Lustspiel „Kabzensohn und Hungermann“ oder vielmehr das Melodrama — wie es Goldfaden nennt —, erfüllt von echtem jüdischem Humor, mit Geschick als Purimspiel gewählt, fand mit Recht eine begeisterte Aufnahme. Es ist die Geschichte eines verwöhnten jüdischen Mädchens, das ein einziges deutsches Buch gelesen hat und nun durchaus nur so geheiratet werden will, wie es in dem Roman steht. Der Liebhaber muß ein paar schöne „wonzes“ (Schnurrbart) haben — er muß „sifzen“ vor Liebe — er muß sie entführen und nicht zuletzt muß er Franz heißen — unbedingt Franz. Dieser Liebhaber findet sich schließlich auch in Gestalt des verkleideten „Ganefs“ Hungermann, der von der „närrischen Maid“ hört und es auf ihr Geld abgesehen hat. Alles klappt ausgezeichnet, denn „Franz“ hat die Liebeserklärungen tadellos auswendig gelernt. Da tritt der Vater ins Zimmer, überrascht das Paar und wirft den Liebhaber hinaus. Karolina entdeckt zu ihrem Entsetzten, daß der Vater ganz anders handelt und spricht als es in dem Roman steht und deshalb macht sie ihm so lange bittere Vorwürfe, bis er den Gauner wiederzubringen verspricht. Der inszeniert inzwischen — so wie es im Buch steht — eine romantische Entführung — und wie dann das Paar reuig zurückkehrt, hält auch der Alte mit seinem Segen nicht zurück. Jetzt erfährt Karolina, daß der Roman noch einen zweiten Teil hat und während Franz schmunzelnd beginnt von diesem zweiten Teil zu erzählen, der rein praktischer Natur sei und von Kapitalüberschreibung an den.Liebhaber und ähnlichem handele, fällt der Vorhang. Bis zum Schluß verliert das Lustspiel nichts von seiner Gefälligkeit und über die wenigen Längen hilft das leichte aber doch temperamentvolle Spiel der Darsteller hinweg, denen nicht zuletzt der Erfolg des Abends zu danken ist. Besonders hervorzuheben mit ihrer vollendeten Mimik ist Frl. Sufrin, der wiederholt Beifallsstürme auf offener Bühne zuteil wurden. Ganz überzeugend gespielt war z. B. ihre Verwandlung der „bekoweten jiddischen Channerle“ zur „Korolina“ des Romans. Besonders gelungen als Schloyme — S. Schenirer, noch in guter Erinnerung vom hebräischen Theater. Ferner liefen, aber ganz ausgezeichnet, die Herren Dajag, Katz und Blumenberg. Ihre Gesichter — wirklich und echt; in Masken und Schminken jüdische Typen hervorragend charakterisierend, es war eine Überraschung. Hervorzuheben: die vornehm diskrete Musikbegleitung des Herrn Moritz Goldberg und ■— last not least — die wirkungsvollen Dekorationen des Herrn Tobiasch. Den besten Teil des Abends bildeten unbestritten wieder die ins Szenische übertragenen jiddischen Volkslieder. Was uns hier die Theatergruppe des Perezvereins bot, war weit mehr als bloß dilettantisches Versuchen, war wirkliches Können — zwar manchmal noch ungelenk und ohne die feine Technik — aber es wurde mit so viel Rhythmus, mit soviel Liebe und Begeisterung gespielt, gesungen und getanzt, daß der Erfolg nicht ausbleiben konnte. Die Regie des Herrn Max Fischer von den Kammerspielen, voll Tempo und guter Einfälle, erntete hier stürmischen Applaus. Man merkte ganz deutlich — hier wird nicht Theater gespielt — hier wird Theater gelebt. — Es ist ihr Milieu, das die Menschen auf der Bühne wiedergeben. Kurz: Die Veranstaltung war wieder ein voller Erfolg für den Perez-Verein, und es ist zu wünschen, daß seine Theaterabende zu einer ständigen Einrichung werden. NB.: Der „Dichter“ der „Purimschnaderhüpferl“ möge froh sein, für diesmal kritiklos davonzukommen. Georg Gidalewitsch.