Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Das Jüdische Echo Nr. 12 Hntisemitische Studentenschaft Man schreibt uns aus studentischen Kreisen. Das Thema ist nicht neu. Nach dem Kampf jim die „Deutsche Studentenschaft“ in Preußen, der bekanntlich mit Entziehung der staatlichen. Anerkennung dieser Organisation geendet hat, ist das Interesse der Öffentlichkeit an diesem unerfreulichen Kapitel innerdeutscher Politik stark abgeflaut; tatsächlich haben ja auch die Studentenschaften glücklicherweise in praktisch-politischen Dingen nirgends mitzureden. Umso radikaler und demagogischer glauben sie dashalb auftreten zu müssen um ihre Daseinsberechtigung zu erweisen. Erwiesen aber haben sie, die genug unpolitische Aufgaben im studentischen Leben zu erfüllen hätten, immer nur eines: ihre seit dem Abgang der Kriegsgeneration von der Universität stets gleich gebliebene reaktionäre, radikal-antisemitische Gesinnung. Mag auch diese Dokumentierung hyperradikälpolftischer Haltung für den Augenblick harmlos und ohne praktische Wirkung bleiben, als Symptom und als Warnung für die Zu- \ kunft ist sie bedeutungsvoll genug. Immer wieder muß man darauf hinweisen, daß in diesem Geiste die Mehrzahl unserer künftigen höheren Beamten, unserer Lehrer, Verwaltungsbeamten, Staatsanwälte und Richter erzogen wird, die sich, leicht verständlich, nur in vereinzelten Fällen später von diesem Milieu werden emanzipieren können. Man kann vor den Gefahren, die uns Juden aus diesem „kalten“, im Äußeren eher zurückhaltenden Antisemitismus drohen, gar nicht genügend warnen; wie stark und sicher die Herren sich fühlen, wie weit sie schon zu gehen wagen, zeigt nichts deutlicher als jener vor einiger Zeit in Erlangen und Wiirzburg gefaßte Entschluß — auch in München soll er Vorgelegen haben —, in dem der Studentenausschuß die Einführung des numerus clausus verlangt. Wir begrüßen diesen Beschluß. Hat man bisher mehr oder weniger kaschiert in der Hochschulzeitung oder auf Tagungen seinen Antisemitismus demonstriert, so zeigt sich einmal unverhüllt und unverklausuliert das wahre Gesicht dieser staatlich anerkannten Zwangsorganisation aller deutschen Studierenden auf den bayerischen Hochschulen. Denn, so unglaublich das klingt, diesen amtlichen Charakter haben die bayerischen Studentenschaften noch heute; es müssen also heute noch Juden deutscher Staatsangehörigkeit, die in Bayern studieren, Mitglieder dieser antisemitischen Organisationen sein, es müssen jüdische Studenten nicht unerhebliche Beiträge zur Aufrechterhaltung einer Vereinigung zahlen, die seit Jahren der antisemitischen Einstellung der weitaus überwiegenden Zahl ihrer Mitglieder unmißverständlich und in ihrem amtlichen Publikationsorgan Ausdruck gibt; und man darf, um das Bild zu vervollständigen, noch hipzufügen, daß die Beiträge zum Teil zur Unterstützung der statutengemäß antisemitischen österreichischen Studentenschaft und jetzt natürlich auch der im Kampf gegen Becker unterlegenen preußischen Studentenschaft verwendet werden. Und dieses ganze antisemitische Großunternehmen erfreut sich nicht nur wohlwollender Förderung des bayerischen Staates, sondern aktiver Unterstützung durch die staatliche Zwangsgewalt. Empfindet man denn nicht die Unmöglichkeit, die Unwürdigkeit einer solchen Situation für jeden jüdischen Studenten — und nicht nur für ihn — der in diese Studentenschaft hineingezwungen wird, hat man nicht so viel Verständnis für die Notwendigkeit, diesem unerhörten Gewissenszwang, diesem verletzenden Eingriff in die persönliche Freiheit um diesem in jeder Beziehung skandalösen Zustand ein schnelles Ende zu bereiten? Wann endlich wird man auch in Bayern den Mut dazu finden? Längst wäre es Aufgabe der zuständigen jüdischen Stellen, Aufgabe besonders der jüdischen Studentenschaft gewesen, auch von sich aus einmal deutlich und energisch in der Öffentlichkeit dafür einzutreten, daß endlich die bayerischen Studentenschaften ihres amtlichen Charakters entkleidet werden1, Dehn die jetzigen Verhältnisse sind für jeden aufrechen jüdischen Studenten unerträglich. H. Wo-Ve. Einstein-Ehrungen Die Stadt Berlin Berlin, 14. März. (JTA.) Professor Albert Einstein hat sich heute an seinem 50. Geburtstag, um allen Ovationen zu entgehen, in die Einsamkeit der Mark zurückgezogen, wo er im Familienkreise eines Freundes den Tag verlebt. Seit Tagen laufen ununterbrochen Telegramme und Glückwunschschreiben in der Wohnung Einsteins in der Haberlandstraße zu Schöneberg ein. Die Post sendet die vielen Hunderte von Telegrammen gebündelt ins Haus. Die einlaufenden Briefe füllen mehrere Körbe. Es gibt wohl keine Universität und keine Akademie der Welt, die am heutigen Tage nicht des großen Gelehrten gedacht hat. Die Naturwissenschaftliche Fakultät der Pariser Universität hat Einstein zu ihrem Ehrendoktor ernannt. Auch die Stadt Berlin fehlt nicht in der Reihe der Gratulanten. Mit ihrem Glückwunsch übermittelte sie Prof. Einstein gleichzeitig eine Geburtstagsgabe, die den Zweck haben soll, den Gelehrten an die Reichshauptstadt zu fesseln. Der Magistrat hat Einstein in dem Einfamilienhause, das im neuerworbenen Park von Neu-Cladow an der Havel liegt, ein Wohnrecht auf Lebenszeit eingeräumt. Das Haus liegt in einem der schönsten Teile dieses Havelufers zwischen dem Großen Breithorn und dem Ort Cladow gegenüber der Kolonie Schwanenwerder. Der Reichskanzler Berlin, 14. März. (JTA.) Der Reichskanzler hat an Professor Albert Einstein folgendes Glückwunschtelegramm gesandt: „Zur Vollendung des 50. Lebensjahres sende ich Ihnen, auch namens der Reichsregierung, die besten Glückwünsche. Mit Stolz blickt Deutschland auf seinen großen Gelehrten, der für die deutsche Wissenschaft unvergänglichen Ruhm erwarb. Möge Ihnen Ihre Schaffensfreudigkeit zur Mehrung menschlicher Erkenntnis noch lange erhalten bleirben.“ Kultusminister Becker Berlin, 17. März. (JTA.) Zum 50. Geburtstag von Professor Albert Einstein hat der preußische Kultusminister Dr. Becker folgendes Telegramm geschickt: „Zur Vollendung Ihres fünfzigsten Lebensjahres sende ich Ihnen herzliche Glückwünsche. Was Sie der Wissenschaft bedeuten, weiß die ganze Welt. Mir aber ist es am heutigen Tage ein aufrichtiges und dringliches Bedürfnis, Ihnen auszusprechen, mit welcher Befriedigung ich es empfinde, daß Sie Ihre geistige Heimstätte in der preußischen Akademie der Wissenschaften gefunden haben, deren alten Ruhm Sie stetig mehren. Mögen Ihnen noch lange Jahre in kraftvoller Schaffensfreude! beschieden sein. Ich freue mich,