Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103083-9162023--09277-9082185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 12 22. März 16. Jahrgang Berufswahl und Berufsberatung Von S. A d 1 e r - K li d e 1, Berlin In diesen Wochen, in denen tausende junger Menschen die Schule verlassen und ins Leben treten, stehen Eltern und Erzieher vor der folgenschweren Entscheidung, die Berufswahl ihrer Kinder zu bestimmen. Wenn auch die Entwicklung der letzten Jahre, der Ausbau der öffentlichen Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung die Berufsentscheidung der Jugendlichen erleichtern^ ist doch die Verantwortung der Erziehungsberechtigten nicht geringer geworden. Die jüdischen Eltern stehen der Frage der Berufswahl ihrer Kinder noch mit ganz besonderer Sorge gegenüber. Zu den an sich schon vorhandenen Schwierigkeiten, die im Wesen dieser Frage begründet sind, gesellen sich jene Erschwernisse, die aus der eigenartigen jüdischen Wirtschaftssituation resultieren. Die durch die historische Entwicklung bedingte Berufsschichtung der Juden in Deutschland, die mehr als die Hälfte aller jüdischen Erwerbstätigen in den kaufmännischen Berufen zusammendrängt, hat im jüdischen Bürgertum auch eine besondere Auffassung vom sozialen Wert der verschiedenen Berufe gezeitigt, die ihren Ausdruck gefunden hat in der in den jüdischen Familien gepflegten Berufstradition, die seitjeher von dem Bestreben der Eltern getragen war, ihren Kindern den Weg zum Aufstieg zu ebnen. Auf diesem Boden erwuchsen die Vorurteile gegen bestimmte Berufe, die Minderbewertung der manuellen Arbeit, die im Handwerker und gewerblichen Arbeiter einen gesellschaftlich nicht vollwertigen Menschen sah. Der seit Jahrzehnten versuchten Berufsumschichtung der Juden mußte ein wesentlicher Erfolg versagt bleiben, weil sie nicht von den Erfordernissen der wirtschaftlichen Lage des einzelnen getragen wurde, sondern von diesem im Interesse des Ansehens der Gesamtheit die Wahl von Berufen forderte, deren Träger von derselben Gesamtheit mit schlecht verhohlener Geringschätzung behandelt wurden. Die Not unserer Zeit hat auch hierin bereits in manchem Wandel geschaffen. Die Verarmung des 'jüdischen Mittelstandes hJft innerhalb desselben frühere soziale Gegensätze ausgeglichen und mit veralteten Vorurteilen aufgeräumt, die schaffende manuelle Arbeit setzt sich allmählich auch bei den Juden durch und erlangt jene Achtung und Wertschätzung, die ihr bei anderen Völkern schon längst entgegengebracht wird. Der Wandel der sozialen Verhältnisse läßt im Judentum eine innere Umstellung in der Bewertung der Arbeit heranreifen, durch die die Berufsentscheidung der heranwachsenden Generation tiefgehend beeinflußt wird. Im Gegensatz zu den Umschichtungsbewegungen früherer Jahrzehnte, die künstlich hervorgerufen wurden, ist die gegenwärtig sich vollziehende Umschichtung die logische und natürliche Folge der wirtschaftlichen Lage der Juden, die den einzelnen und die Gesamtheit zwingt, nach neuen Möglichkeiten zu suchen und neue Wege zur Erlangung wirtschaftlicher Sicherheit zu beschreiten. Der Berufsumschichtungsprozeß, der in den letzten Jahren im Judentum eingesetzt hat, ist der jüdischen Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt, er wird deshalb auch nicht mit jener Aufmerksamkeit beachtet, die hier zweifellos geboten ist. Wichtiger aber als die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist die Tatsache, daß jene, die es angeht und die von der Umschichtung selbst am stärksten erfaßt werden, die jüdische Jugend, den Fragen des Berufes größtes Interesse entgegenbringt. Während in Versammlungen und Zeitungen noch Wege und Möglichkeiten der Umschichtung diskutiert werden, sind zwei Faktoren herangewachsen und zu Trägern der Umschichtung geworden, die jüdische Jugendbewegung und die jüdische Berufsberatung. Es liegt im Wesen unserer Zeit und in der Stellung, die die Jugend sich erobert hat, daß die Fragen der Berufswahl nicht mehr wie früher von Eltern und Vormündern allein entschieden werden. Die Jugend, deren Schicksal und Zukunft oft durch die Berufswahl bestimmt werden, wirkt mit an der Wahl des Berufes und der Entscheidung füir diesen. Der Jugendbewegung aller Richtungen hat sich hier ein breites Feld fruchtbarer Arbeit eröffnet. Ihr obliegt es, den Jugendlichen die innere Einstellung zu Arbeit und Beruf zu vermitteln. Sie hilft mit an der Gestaltung des Willens der Jugend und macht sie frei von tradionellen Vorurteilen gegen bestimmte Berufe. Sie erweckt in ihr Achtung und Verständnis für jede schaffende Arbeit, die durch den Menschen, der sie leistet, erst ihren eigentlichen Wert und ihre Bedeutung erhält. Die Berufsberatung ist Helfer der Eltern und der Jugend., Mit ihnen zusammen stellt sie Eignung und Neigung der Jugendlichen fest, prüft r/e die wirtschaftlichen Voraussetzungen der Ausbildung und die späteren Existenzmöglichkeiten im gewählten Beruf. Ihre Aufgabe kann nur im Zusammenwirken mit den Eltern, der Schule und der Jugend ganz erfüllt werden. Es geht in allen Fällen nicht darum, einen „guten“ Beruf zu suchen oder einen „schlechten“ abzulehnen, sondern darum, für jeden jungen Menschen den Beruf zu finden, der seinen individuellen Anlagen entspricht, und dann dafür zu sorgen, daß er in diesem Beruf eine möglichst gute Leistungsfähigkeit erlangt.