Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 11 15. März 16. Jahrgang Landes Versammlung des Keren Hajessod für Deutschland Große Kundgebung in den KrolbSälen / Ovation für Einstein Berlin, 11. März. (JTA.) Die am Sonntag, dem 10. März, in Berlin, stattgefundene Landesversammlung des deutschen Keren Hajessod hatte ihren Auftakt in einer mittags in den Kroll-Sälen stattgefundenen Kundgebung, die ein imponierendes Bild bot und einen enthusiastischen Verlauf nahm. Der Riesensaal war von den geladenen Gästen des Keren Hajessod bis auf den letzten Platz gefüllt, viele Hunderte Gesuche um Gastkarten mußten — wie der Vorsitzende, Herr Direktor Oskar Wassermann, mitlei lte — wegen Raummangels zurückgewiesen werden. Auf der Präsidiumsestrade saß neben dem Präsidenten Oskar Wassermann Herr Professor Albert Einstein, der in dieser Woche sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet und dem die ehrende Aufmerksamkeit der gesamten Versammlung galt. Direktor Oskar Wassermann der Präsident des deutschen Keren Hajessod, eröffnete die Kundgebung mit der folgenden Ansprache: Der deutsche Keren Hajessod tritt heute in einer großen Kundgebung vor die allgemeine Öffentlichkeit. Der Keren Hajessod soll die Mittel beschaffen, um jüdisches Leben in Palästina zu neuer Blüte zu bringen. Das jüdische Volk war seit Jahrtausenden ein Kulturvolk, dessen Leistungen die Weltkultur stark beeinflußt haben. Es ist um geistige Leistung ähnlich bestellt wie um die Produkte der Wirtschaft. Die Fertigfabrikate sind versendbar, die großen Bücher gehen in alle Länder, unsere Bibel hat die Welt erobert. Aber jedes derartige von allen gewürdigte Ergebnis kultureller Tätigkeit ist in seiner Entstehung an einen bestimmten Ort, an bestimmte Umgebung gebunden. Das Wichtigste ist es, diese Quellen des Schaffens in voller Frische zu erhalten. Der jüdische Geist befindet sich heute in einer eigenartigen Situation. Man spricht von ihm, wie man vom englischen, deutschen, französischen Geist spricht. Aber alle anderen Geistesmächte sind stark nicht nur durch ihre Vergangenheit, sondern auch durch ihre Gegenwart, weil sie die Möglichkeit haben, immer wieder den alten Leistungen neue charakteristische Leistungen hinzuzufügen. Das Judentum kann seit Jahrhunderten nicht auf solche Kollektivleistungen hinweisen, und niemand weiß heute, was in Wahrheit Judentum und jüdischer Geist bedeuten. Jede Deutung ist möglich, und wir leiden darunter, daß man willkiir- ' lieh in zufälligen Einzelerscheinungen charakteristische Symptome für jüdisches Wesen erblickt. Dem Judentum fehlt im Gegensatz zu anderen geistigen Gemeinschaften die Verwurzelung mit seinem alten Boden, auf dem das entstanden ist, was in Wahrheit jüdischem Wesen und jüdischer Art entspricht. Wir erwarten von der Erfüllung der uns heute in Palästina gegebenen Möglichkeiten die wahre Erneuerung jüdischer Art. Im Vertrauen auf die sittlichen Kräfte des Judentums gehen wir an das große Werk, das aufs neue jüdische Menschen mit Erez Israel verbinden soll, und hoffen von künftig dort lebenden Generationen, daß sie der Welt und auch uns Juden seihst zeigen werden, daß wir imstande sind, Leistungen zu vollbringen, die den wahren Fortschritt der Menschheit fördern. Wer dem Fortschritt der Menschheit dienen will, muß versuchen, ihn selbst herbeizuführen! Wir erwarten das Erblühen jüdischer Kultur, aber gerade wir Juden wissen aus unserer Vergangenheit, daß die Erreichung geistiger Ziele an irdische Voraussetzungen gebunden ist. Juden sollen wieder in Erez Israel wohnen und siedeln. Unsere Pflicht ist es, dieser Kolonisation die Mittel zur Verfügung zu stellen. Das Geld, das wir verlangen und das man uns gibt, es dient nicht der Erfüllung eines Machtstrebens, es dient der Bewahrung und Erweckung der stärksten sittlichen Kräfte der Judenheit. Die Arbeit hat begonnen. Wir haben durch den Keren Hajessod, unser jüdisches Palästinawerk, die Verantwortung für das Gelingen übernommen. Deshalb ist jede Kundgebung des Keren Hajessod zugleich Darlegung unserer Ziele und Appell zur Mitarbeit an alle Juden. Insbesondere wendet sich der deutsche Keren Hajessod an alle deutschen Juden. Wir sind Deutsche und wir wollen Deutsche bleiben. Nicht schaden können wir unserem deutschen Vaterlande, aber nützen ihm und der ganzen Welt, wenn wir denjenigen, die in Palästina ein Erez Israel, jüdisches Land, wieder aufrichten wollen, mit Herz und Hand helfen, wenn wir uns mit dem Aufbauwerke geistig verbunden fühlen. Gerade in Deutschland, wo man zugleich guter Bayer, guter Sachse und guter Deutscher sein kann, sollte man dafür das beste Verständnis haben. Der Präsident begrüßt die Tausende jüdischer Männer und Frauen, die der Einladung gefolgt sind, insbesondere die erschienenen Abordnungen zahlreicher jüdischer Organisationen und Institutionen in Deutschland und in mehreren auswärtigen Ländern, darunter der allgemeinen Arbeiterföderation Palästinas, und fuhr dann fort: Es ist mir eine besondere Freude, in unserer Mitte Prof. Albert Einstein begrüßen zu können. Prof. Einstein steht seit Jahren in unseren Reihen. Der erste Aufruf für den Keren Hajessod trägt seine Unterschrift. Er hat sich unserer Arbeit, wo er konnte, zur Verfügung gestellt. Er hat in Europa und in Amerika für den Keren Hajessod gewirkt, und er hat immer wieder seine tiefe Verbundenheit mit Palästina und der Judenheit zum Ausdruck gebracht. Prof. Einstein feiert in wenigen Tagen seinen 50. Geburtstag. Er wird Glückwünsche und die begeisterte Huldigung der ganzen Kulturwelt empfangen. Aber wir glauben, daß die Wünsche, die der deutsche Keren Hajessod und diese Versammlung ihm heute