Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 16 (1929)
- Issue
- 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Das Jüdische Echo Nummer 9 1. März 16. Jahrgang Die Lage der Juden in Polen Von Dr. Theodor Weisseiberger (Czernowitz) Die jüdische Presse pflegt sehr oft Nachrichten über interne Parteistreitigkeiten der polnischen Juden zu veröffentlichen. Dadurch wird das Interesse des Auslands von den wichtigsten Problemen der polnischen Judenheit abgelenkt. Wie diese Probleme aussehen, belehrt ein nachstehender Aufsatz eines jüdischen Politikers aus dem Leben Polens, Rumäniens. „Der gesellschaftliche Antisemitismus ist dort nicht so vehement wie er vor einigen Jahren war, als der polnische Staat sich zu konsolidieren begann. Auch die starke Boykottbewegung der christlichen Bevölkerung gegenüber dem jüdischen Kaufmann und Handwerkerstand scheint geringer zu sein. Kraß und brutal ist hingegen der wirtschaftliche Kampf, der von der Regierung gegen die Juden geführt wird. Der gesetzliche und politische Deckmantel hierzu ist der sogenannte Etatismus oder die Sozialisierung. Die Verstaatlichung vieler Erwerbszweige stand in der ersten Zeit nach dem Kriege in Mittel- und Westeuropa in voller Blüte. Langsam und allmählich sind aber die Sozialisierungstendenzen in den Hintergrund getreten. Die Verstaatlichungstendenz sowohl im Handel als auch in der Industrie wächst lediglich in Polen in ganz unheimlicher Weise. In der gegenwärtigen polnischen Regierung sitzen kapitalistisch und sozialistisch orientierte Minister. In einem Punkt sind sie aber einig: auf dem Gebiete der immer stärkeren Verstaatlichung. Die Vertreter des Kapitalismus in der Regierung wollen durch Verstaatlichung gewissermaßen dem Mangel der wirtschaftlichen Initiative abhelfen, an welcher es dem polnischen Volke gebricht. Die sozialistischen Minister hingegen erblicken im Etatismus die Anfänge der sozialistischen Gesellschaftsordnung. So wird ein Er\yerbszweig nach dem andern nicht nur in der Industrie, sondern auch im Handel verstaatlicht. Der polnische Staat versucht z. B. sogar den Handel mit Getreide, Holz und Petroleum zu verstaatlichen. Viel ist in dieser Beziehung zum Nachteile der städtischen Bevölkerung schon geschehen: viel wird erst vorbereitet. Wie weit die Sozialisierung um sich gegriffen hat, ist daraus zu ersehen, daß der polnische Staat mehr Arbeiter und Beamte in seinen wirtschaftlichen Betrieben beschäftigt als alle privaten Handelsindustrien in den polnischen Landen überhaupt. Dieser Verstaatlichungsprozeß geht vor allem auf Kosten der jüdischen Bevölkerung. Die Folge der Sozialisierung irgendeines Betriebes oder irgendeines Betriebszweiges bedeutet die gänzliche oder teilweise Depossedierung von hunderten und tausenden jüdischer Wirtschaftsobjekte. Diese Verdrängung der Juden aus ihrer wirtschaftlichen Position geschieht in einer so erschreckenden Weise, daß man den Eindruck gewinnen kann, es handle sich manchmal der polnischen Regierung mehr um die Entjudung als um die Sozialisierung. Bemerkenswert ist, daß infolge der konsequenten Durchführung der Verstaatlichungstendenzen in Polen nicht nur der jüdische Großkaufmann und Industrielle, der Zwischenhändler und der Vermittler verdrängt wird, sondern auch der jüdische Arbeiter. In den Betrieben, die verstaatlicht werden, werden nämlich fast ausschließlich christliche Arbeiter aufgenommen, neue jüdische Arbeiter werden nicht angestellt und die Arbeiter jüdischer Abstammung, die von früher in den sozialisierten Betrieben gearbeitet haben, werden verdrängt. So nimmt man dem jüdischen Arbeiter in brutaler Form das primitivste Recht — das Recht auf Arbeit. Vor Jahren waren in den Tabakfabriken Polens 20 000 jüdische Arbeiter beschäftigt. Jetzt ■— nach erfolgter Sozialisierung der Tabakfabriken — gibt es in diesen Fabriken einige Dutzend jüdischer Arbeiter. Als im Frühling vergangenen Jahres 380 neue Arbeiter bei der elektrischen Straßenbahn in Warschau aufgenommen wurden, befanden sich unter diesen nur zwei Juden. Infolge der Aufnahme dieser zwei jüdischen Arbeiter kam es unter den Arbeitern der elektrischen Straßenbahn in Warschau fast zu einem Streik, weil die christlichen Kollegen mit den jüdischen nicht arbeiten wollten. Übrigens hat sich erst unlängst in Lodz etwas ähnliches ereignet. Die bei einem jüdischen Großfabrikanten beschäftigte christliche Arbeiterschaft drohte mit einem Streik, weil der jüdische Dienstherr es gewagt hatte, einen einzigen jüdischen Arbeiter in seinem Betriebe zu beschäftigen! Es ist in unserer Ökonomik leider nichts Seltenes, wenn der jüdische Händler aus dem Erwerbsleben verdrängt und brotlos gemacht wird. Obwohl es Sache des Staates ist, für die deklassierten Bürger zu sorgen, wenn seine zielbewußte Wirtschaftspolitik dies verursacht hat. Neu ist die Erscheinung, daß man dem jüdischen Arbeiter das Recht auf Beschäftigung — auf produktive Arbeit nimmt. So wird die Industriealisierung des jüdischen manuellen Arbeiters ungeheuer erschwert und auch die Beamtifizierung der jüdischen geistigen Arbeiter seit Jahr und Tag ganz unmöglich gemacht. Jüdische Beamte werden nämlich in die städtischen und staatlichen Ämter und in die vom Staat geführten wirtschaftlichen Unternehmungen überhaupt nicht aufgenommen: und die wenigen jüdischen Beamten, die von früher da waren, werden rücksichtslos verdrängt. Noch ein Moment trägt dazu bei, daß die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen eine geradezu katastrophale ist: das ist der unerhörte Steuerdruck. Fast 82 Prozent der unmittelbaren Steuern zahlt die städtische Bevölkerung und nur 18 Prozent machen die unmittelbaren Steuern aus, die von der ländlichen Bevölkerung entrichtet werden, obwohl die letztere vier Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmacht. Von den unmittelbaren Steuern, welche das städtische Element zahlt, zahlen die Juden fast die Hälfte. So stützen die Juden finanziell das politische System in Polen, welches ge-