Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 6 (15.2.1929) Chaim Lederers Rückkehr
- Date
- 1929-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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CHAIM LEDERERS RÜCKKEHR VON SCHALOM ASCH Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz (Copyright by Dr. Präger, Pressedienst, Wien) 6. Fortsetzung 5. Kapitel. DER WOLF SCHLÜPFT IN SEIN FELL. Als Mister Lederer senior von oben, vom Shop wieder hinunterkam, fand er im Geschäft seinen Sohn Morris, der vom Lunch zurückgekehrt war, und mit ihm den Großkunden Mister Nyfeld aus Cincinnati: Morris, der groß, breitschultrig und glattrasiert war, erinnerte durch seine dichten schwarzen Brauen an den Vater; doch nur in den Brauen lag diese Ähnlichkeit; die langen Falten in seinen Wangen, das lange Gesicht, die sichere, stolze Haltung — das alles gehörte einem anderen Menschen, das war auch ein anderer Mensch. Schien es dem Alten nur so oder hatte der Schwager wirklich Morris schon erzählt, was für einen Empfang ihm der Vater bereitet hatte — Lederer kam es vor, daß sein Sohn ihn kühl empfing, obwohl Morris alles tat, um den Vater seine Achtung und Rührung zu zeigen. Tatsächlich hatte er, als man ihm sagte, der Vater sei zu den Arbeitern in den Shop hinaufgegangen, eine böse, unzufriedene Grimasse geschnitten. Das war völlig gegen das System, das reine Geschäftssystem, das er nach der Übernahme des Geschäfts eingeführt hatte. Doch Morris hatte sich fest vorgenommen, unter allen Umständen dem Vater seine höchste Achtung und kindliche Unterwürfigkeit zu zeigen, zumal durch den Austritt des Vaters aus dem Unternehmen die eigentliche Ursache ihrer gegenseitigen Antipathie, die Rivalität, wegfiel. Morris fürchtete den Vater nicht mehr. Er, Morris, war alleiniger Herr im Unternehmen und zu der ganzen Methode, nach der er es führte, paßte es ihm, den Vater zu achten und zu ehren, wie es in allen vornehmen Häusern geschah, die für Morris maßgebend waren und denen er es in allem nachtun wollte. Daher war Morris entschlossen, alles, was der Alte tun würde, gelassen hinzunehmen und unter allen Umständen vor anderen Leuten ganz außerordentliche Zärtlichkeit, Gehorsam und Ergebenheit gegen ihn zu zeigen. So ließ er denn, sowie er nur den Vater erblickte, alles stehen und liegen und lief ihm entgegen; er faßte ihn zärtlich unterm Arm, fragte nach seinem Befinden, entschuldigte sich tausendmal, daß er nicht dagewesen war, als der Vater kam, und machte ihm liebevolle Vorwürfe, daß er seinen Besuch nicht vorher telephonisch angesagt hatte. Doch der alte Lederer hörte aus diesen überschwenglichen Freudenbezeugungen nur die falschen und erheuchelten Töne heraus, die Morris den Leuten zuliebe angeschlagen hatte, um den Angestellten zu zeigen, wie gut und vornehm er erzogen sei. Auch etwas anderes kränkte ihn: ihm schien es fortwährend, daß ihm der Sohn mit der übertriebenen Zärtlichkeit, die er ihm bewies, zu verstehen geben wollte, er, der Vater sei schon aus dem Geschäft ausgeschieden und überflüssig geworden. „Er setzt sich mit mir in Szene“, ging es dem Alten durch den Kopf. Stellte sich die alte Feindschaft, die jahrelang zwischen Vater und Sohn geherrscht hatte, auch jetzt wieder zwischen beide? Der Alte antwortete kaum auf Morris’ herzliche Begrüßung. Der Sohn wollte ihn ins Privatkontor führen, doch er lehnte es ab, entzog sich dem Arm des Sohnes und wandte seine ganze Aufmerksamkeit Mister Nyfeld zu. „Wie geht’s, wie steht’s, Mister Nyfeld? Ich habe Sie wirklich schon lange nicht gesehen! Warum haben Sie gar nichts von sich hören lassen? Was gibt es Neues im Geschäft?“ Mister Nyfeld war ein alter Geschäftsfreund der Firma, einer ihrer ältesten Kunden. Er hatte die Firma gekannt, als sie noch klein war und kaum begonnen hatte. Dem alten Lederer war es ein wirkliches Vergnügen, den alten Nyfeld, den Zeugen seines Erfolges, zu sehen. Die Zeit seiner ersten Anfänge schien ihm wiedergekehrt. Der Wolf schlüpfte wieder in sein Fell. Die Geschäftsatmosphäre, die er oben im Shop eingeatmet hatte, übte ihre Wirkung. Er hatte vergessen wollen und wirklich — der alte Lederer hatte vergessen. Er hatte jetzt das Gefühl, als sei er niemals aus dem Geschäft ausgeschieden, habe niemals ein neues Leben