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Das jüdische Echo · 1929-01-04 · 1/44 (4.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr/ Richter und Narr · p. Seite 148

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
1/44 (4.1.1929) Chaim Lederers Rückkehr/ Richter und Narr
Date
1929-01-04
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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178 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 44 Mehrheit hoffnungslos und darum auch würdelos sein würde, sich zum Ausgang vorzudrängen. Ich hielte es für eine Übertreibung, wenn ich sagen würde, daß sie alle sich mit Ruhe in ihr Schicksal fügten, im Gegenteil, auch rings um mich erklang Schluchzen und Stöhnen, einige Frauen rauften sich sogar das Haar, und es waren nur wenige, die mit auf der Brust gekreuzten Armen regungslos ihres Loses harrten; nichtsdestoweniger aber ist als im höchsten Maße bemerkenswert der Umstand anzuerkennen, daß sogar die Verzweifelnden, ja selbst die über das herannahende Verderben laut Weinenden in diesem Augenblick es nicht dem Pöbel gleichtun wollten, der sich mit den Ellenbogen und durch Rippenstöße den Weg zu einer wenig wahrscheinlichen Rettung bahnte. Regungslos mitten unter ihnen und zusammen mit ihnen stehend — mit jenen, die noch nicht vom Einsturz berührt worden waren —, bemerkte ich plötzlich, daß auf den Sitzen der Sarane nur einer von fünf unversehrt geblieben war, nämlich der Fürst von Ekron, mein alter Freund, der auch Dir aus jener Zeit bekannt ist, als er mein Gast bei Memphis war, damals, als man in meinem Vorstadthaus morgens sich nicht durch die Unmenge von Vogelfängern durchzudrängen vermochte, die ihm Sing- oder abgerichtete Vögel zum Kaufe anboten. Als er meinen Augen begegnete, nickte er mir ganz ruhig zu, winkte einen jungen Hauptmann in der Kleidung der Kretischen Wache zu sich heran und rief ihm so laut, daß auch ich es hörte, die Worte zu: ,Bahne dem ausländischen Gast den Weg — um jeden Preis!“ Ehe ich noch begreifen konnte, daß von mir die Rede war, packten mich von beiden Seiten kräftige Hände und schleppten mich, durch Rauch und Gestöhne, den Mittelgang zwischen den Bänken entlang. Ob Du es nun glaubst oder nicht, lieber Tephnacht, doch schwöre ich Dir bei den Heiligtümern aller Völker, daß auf der Höhe der ersten Reihen dieser Durchgang fast frei war, und daß erst weiter, in dem Maße, als wir uns dem Ausgang näherten, der Hauptmann, der vor uns herging, und seine Soldaten rücksichtslos von ihren Äxten Gebrauch machen mußten, indes ich unter meinen Füßen, statt der steinernen Fließen, sich windende menschliche Gliedmaßen fühlte und irgendwessen Zähne mich schmerzhaft in die linke Wade bissen. Bei der Tür angelangt, trat der Hauptman zur Seite, indem er mit seiner Axt die durch den schmalen Durchgang vorstürzenden Nichtadeligen zurückdrängte und vertrieb; und seine Untergebenen, die mich an den Armen zerrten, stießen mich mit Gewalt auf die Stufen vor dem Tempel hinaus. Nur einer von diesen Soldaten lief mit mir ins Freie; die übrigen widerstanden dieser natürlichen und verzeihlichen Versuchung, und als ich mich zum letztenmal an der Schwelle umblickte, sah ich, wie der junge Offizier geradeswegs über die Schultern und Köpfe der heulenden Menge zu seinem Saran zurückging. Im gleichen Augenblick erbebte die Erde, ein neues Dröhnen erschallte aus der Mitte des Tempels und die Menge, die den Tempelvorplatz füllte, heulte auf, wobei Tausende von erhobenen Händen andeuteten, daß das Dach eingestürzt sei. Ja, lieber Tephnacht, meine Errettung ist wahrhaftig ein Wunder unter Wundern gewesen; denn es gibt sicher kein geheimnisvolleres, kein erhabeneres Wunderding als jenes Unerkennbare, das in der Seele eines ganzen Volkes ruht und es von den anderen Erdbewohnern unterscheidet: das unlösbarste aller Rätsel, die mich in diesen Stunden sowohl jener unbegreifliche Mensch als auch das Volk lehrte, welches ihn liebte, ihn blendete und mit ihm zusammen im gleichen Feuer unterging.“

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