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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 42 (1928) Richter und Narr · p. Seite 172

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
42 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 42 heit Dagon, von der ich Dir vor einigen Jahren, gelegentlich meiner ersten Reise hierher, schrieb, ebenso die Massentänze, die festliche Kleidung — das alles, so nehme ich an, stammt von den Inseln her. Die Sitte aber, das Innere des Tempels für diese Tage mit Schilf, Palmenzweigen und dem Laub von Feigenbäumen, Ölbäumen, Plantanen, Zypressen und Eichen derart auszuschmücken, daß sowohl der Anblick als auch der Duft dieses Schmuckes die Betenden all einen Wald erinnert —diese Sitte ist in ganz Kanaan verbreitet. Diese Eigentümlichkeit der inneren Ausschmückung des Tempels mußt Du, lieber Tephnacht, Dir sorgfältig einprägen, wenn Du sowohl die Ursachen als auch die Ausmaße jenes bemerkenswerten Ereignisses richtig verstehen willst, wovon das Gerücht, wie ich aus Deiner Anfrage ersehe, bis zu euch nach Memphis gelangt ist. Die ausführliche Beschreibung des Tempelgebäudes selbst ist Dir vielleicht noch aus meinen früheren Briefen in Erinnerung, ebenso wie die Beschreibung seines Hauptteiles — des auf vier Säulen aus verschiedenen Gesteinsarten ruhenden schrägen Daches, unter dem sich das Götzenbild auf goldenem Sockel und der Opferaltar befindet. Versuche also, Dir alle diese Säulen, Gesimse, Fackelhalter und Standbilder derart von Laub umgeben vorzustellen, daß Marmor und Granit nur stellenweise unter dem grünen Schmuck hervortreten. Als grün ließ es sich übrigens nur in den ersten Tagen bezeichnen: das Fest dauerte eine Woche. Wobei, wenn im strengen Sinne des Gottesdienstes als Haupttag der erste gilt, im Sinne des Volkstreibens besondere Aufmerksamkeit der letzte Tag verdient oder, richtiger, die auf ihn folgende Nacht. Über die Äußerungen festlicher Freude und über die Ausmaße, die sie in diesen letzten Stunden des Festes zwischen Sonnenuntergang und Morgenröte annehmen, hatte man mir hier schon vorher soviel erzählt, daß ich, offen gestanden, mich mit großer Neugier darauf gefaßt machte, sie mit allen mir von der Natur hierfür geschenkten Organen wahrzunehmen; und glaube mir, lieber Tephnacht, eingedenk dessen, d§ß auch Du in nicht minderem Maße von der gleichen Art Wißbegier erfüllt bist, hätte ich es für meine Pflicht gehalten, Dir einen genauen Bericht über dies alles vorzulegen — wenn nicht das Ereignis, dem ich statt dessen den ganzen Bericht zu widmen gezwungen bin, am siebenten Tage des Festes gerade \or Sonnenuntergang geschehen wäre und auf diese Weise den natürlichen Lauf der Dinge unterbrochen hätte. Doch obwohl es rieht recht geziemend ist, bei der Rede von einer Begebenheit so trauriger Art bei leichtfertigen Dingen haltzumachen, so kann ich doch nicht umhin, dessen Erwähnung zu tun, daß das Schauspiel, welches der Tempel in jener Vorabendstunde darbot, mich mit den ermutigendsten Erwartungen erfüllte. Es genügt der Hinweis auf zwei Umstände. Der erste ist die Festtracht der Frauen, die wie mit Absicht dazu erfunden zu sein scheint, einen gesunden Menschen in den höchsten Grad des Vorgenusses zu versetzen; übrigens habe ich Dir auch diese Festkleidung schon mehrfach und mit der gebührenden Begeisterung beschrieben. Der zweite Umstand aber besteht darin, daß in dieser Nacht keine Fackeln angezündet werden, denn das wäre gefährlich in Anbetracht der großen Menge schon ganz ausgetrockneter Laubzweige; und so versinkt das ganze Tempelinnere in dem Maße, als es langsam Nacht wird, allmählich in Dunkelheit, in welcher das schwache Glimmen des ausbrennenden Opferaltars vor dem Dagongötzen, wie ich annehme, die gleiche Wirkung ausüben muß wie ein Körnchen scharfer Würze in einer saftigen Speise. Die Pflich: eines aufgeklärten und an gute Gesellschaft gewöhnten Mannes zwingt mich jedoch, ebenfalls zu erwähnen, daß auch in einem anderen — obwohl, meines Erachtens, bedeutend weniger unterhaltsamen — Sinne das Innere des Tempels in dieser Nacht nicht weniger an Bemerkenswertem darbot. Hier waren die fünf Sarane von Philistäa zugegen, ein jeder mit seinem Gefolge, welches, wie es heißt, zur Hälfte aus Abkömmlingen von der Insel Kereth und zur anderen Hälfte aus orts- ansässiger Jugend edler Herkunft sich zusammensetzt. Überhaupt muß ich sagen, daß dieser Tempel, obwohl er, was seine Ausmaße anbelangt, in Memphis oder sogar in Theben unbeachtet geblieben wäre, an jenem Tage fast die ganze namhafte Bevölkerung Gazas und einen nicht geringen Teil des obersten Stan les der übrigen vier philistäischen Hauptstädte in sich aufnahm. Und zwar pflegen, wie ich hörte, die Sarane und ältesten Würdenträger sich nach Einbruch der Dunkelheit zu entfernen, um durch ihre hohe Gegenwart die darin stattfindende Volksbelustigung nicht zu sanktionieren — oder vielleicht auch, um sie nicht zu stören; solange es aber hell ist, thronen auch sie auf ihren Sitzen, obwohl sie an den Belustigungen der Menge nicht unmittelbar teilnehmen. (Fortsetzung folgt)

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